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Erdogan gegen „Cumhuriyet“ : Jetzt sind die Kemalisten am Ruder

Die „Cumhuriyet“ wird von der türkischen Regierung und Justiz seit langem bekämpft. Nun könnte ihr Widerstand von innen heraus gebrochen werden. Bild: AFP

Erdogan hat es geschafft: Bei der oppositionellen Zeitung „Cumhuriyet“ ist es zu einem Machtwechsel gekommen. Der könnte eine der letzten kritischen Presse-Stimmen in der Türkei ersticken.

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          Wer diese Zeitung kaufte, machte damit eine politische Aussage. Wer mit einer „Cumhuriyet“ unterm Arm vom Kiosk wegging oder das Blatt öffentlich las, zeigte damit zumindest in den vergangenen Jahren immer auch Distanz zur offiziellen Türkei und zum Machtapparat der Regierungspartei AKP. Wer jemanden „Cumhuriyet“ lesen sah, konnte sich ziemlich sicher sein: Dahinter steckt immer ein Kopf, der nicht einverstanden ist mit der Politik des Staatspräsidenten Tayyip Erdogan. Doch damit könnte es nun vorbei sein. Ende vergangener Woche kam es in der gleichnamigen Stiftung, die „Cumhuriyet“ herausgibt, zu einem Machtwechsel. Als Folge davon wird das Blatt, so viel ist sicher, nicht mehr so aussehen wie zuletzt. Mehrere bekannte Mitarbeiter wurden entlassen oder verließen das Blatt in Erwartung eines nahenden Kurswechsels von selbst. Vielleicht wird es künftig kein Zeichen oppositioneller Gesinnung mehr sein, mit der „Cumhuriyet“ unterm Arm vom Kiosk wegzugehen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Rückblickend ist es erstaunlich, dass sich das Blatt mit seinem regierungskritischen Kurs überhaupt so lange halten konnte. Das hatte zwei Gründe – die Stiftungsstruktur und die Geschichte der Zeitung. Da „Cumhuriyet“ einer Stiftung gehört, konnte Erdogan sie nicht einfach durch befreundete Unternehmer kaufen und auf Linie bringen lassen, so wie das mit anderen Zeitungen gemacht wurde. Wer „Cumhuriyet“ kontrollieren will, muss die Cumhuriyet-Stiftung unter Kontrolle bringen. Hinzu kommt, dass „Cumhuriyet“ nicht irgendeine türkische Zeitung ist. Gegründet 1924, ein Jahr nach der Entstehung der türkischen Republik, deren hundertjähriges Jubiläum Erdogan 2023 mit viel Pomp feiern lassen will, galt sie lange als Sprachrohr von Mustafa Kemal (Atatürk), des Vaters der modernen Türkei. So ein Blatt kann selbst Erdogan nicht einfach verbieten lassen. Der Verweis auf Atatürk zeigt im Übrigen auch den Unsinn der dieser Tage zu hörenden Behauptung, die „Cumhuriyet“ habe stets eine „prowestliche“ Linie verfolgt. Das Blatt vertrat lange den erziehungsdiktatorischen, nationalistischen und kurdenfeindlichen Kemalismus alten Stils, der mit „westlichen“ oder gar „demokratischen“ Werten wenig zu tun hat.

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