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Julia Bähr, Redakteurin im Feuilleton

Erdogan contra Extra3 : Einladung zur Fernsteuerung

  • -Aktualisiert am

Recep Tayyip Erdogan bei einer Rede in Sorgun Bild: AP

Der Ärger um „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ ist ein Geschenk an Europas Satiriker: Offenbar ist es kinderleicht, aus sicherer Entfernung dafür zu sorgen, dass der Klassensprecher sich eine Standpauke einfängt. Eine Sternstunde des Pennälerhumors.

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          Anstrengend an Satire ist ja, dass man das Normale, das Ärgerliche oder gar das Traurige so lange überspitzen muss, bis es witzig wird. Manchmal genügt Übertreibung, aber im Fall von Recep Tayyip Erdogan weiß man gar nicht, wohin man das noch treiben soll: Der türkische Staatspräsident hat sich nun mal wirklich einen Palast ohne Baugenehmigung ins Naturschutzgebiet gebaut.

          Da helfen nur noch Reime, denn Reime helfen immer. „Er lebt auf großem Fuß, der Boss vom Bosporus“, dichtete die Satiresendung „Extra3“ am 17. März auf das Lied „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ von Nena. Auch Erdogans Abschaffung der Pressefreiheit wird kritisch thematisiert. „Ein Journalist, der was verfasst, das Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast“, heißt es. Das Lied benannte die Redaktion in „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ um – der türkische Staatspräsident wird ohnehin korrekt „Erdowahn“ ausgesprochen, da hatten die Satiriker also nicht viel Arbeit.

          In Deutschland hatte die Sendung, die üblicherweise im NDR läuft, diesmal aber vom Mutterschiff ARD ausgestrahlt wurde, kein großes Echo. Zum einen war die Satire nicht von ungewöhnlich bösartiger Natur, sondern bildete im Gegenteil eben hauptsächlich die Realität ab. Zum anderen war die Machart nicht außerordentlich brillant. Daher blieben hierzulande Reaktionen aus, während sie in der Türkei umso heftiger ausfielen: Das Außenministerium bestellte in der vergangenen Woche den deutschen Botschafter ein. Das Gespräch soll etwa zehn Mal so lange gedauert haben wie der knapp zweiminütige Beitrag. Zu Details hüllt sich das Auswärtige Amt in Schweigen.

          Dass Erdogan im eigenen Land die Presse unterdrückt, ist bekannt. Dass er es auch im Ausland versucht, unterstreicht die größenwahnsinnige Dimension seines Machtstrebens. Doch auch daran lässt sich etwas Witziges finden, und man braucht nicht mal einen Reim dafür: Wie muss der deutsche Botschafter sich gefühlt haben, als er den türkischen Regierungsvertretern auseinandersetzte, dass er da gar nichts tun kann, weil „Extra3“ über seine etwaige Intervention wahrscheinlich gleich die nächste Satire senden würde? Und wie formuliert man das geschickt? Vielleicht ungefähr so: Nein, wirklich gar kein Einfluss, ja, obwohl das ein öffentlich-rechtlicher Sender ist, nein, wir wollen das nicht anders, obwohl euer Modell mit der staatlichen Kontrolle gewiss für euch auch seine Vorzüge hat.

          Da prallen Vorstellungen aufeinander, die nicht miteinander vereinbar sind. Aber gerade gegenseitiges Nichtverstehen birgt ja großes komisches Potential, etwa zwei Drittel von Loriots Oeuvre basieren darauf. Für „Extra3“ ist es etwas schade, dass sie das Vorgefallene kaum weiterdrehen können, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Richtig spannend wird jetzt aber, ob andere europäische Satiresendungen diese Fernsteuerung nicht auch mal ausprobieren wollen: Wir beleidigen Erdogan, und eine Woche später bestellt er unseren Botschafter ein, der dann stellvertretend für uns eine Strafpredigt bekommt – das ist doch phantastischer Pennälerhumor. Als würde man den Klassensprecher reinreiten und aus sicherer Entfernung zuschauen. Sehr sicherer Entfernung sogar. Die Grenzen sind ja nun geschlossen.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

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