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Erbauungsmagazine : Das Kuscheln mit der Zeitschrift

Das Magazin „Walden“ ist für Entdecker, die nicht mehr über Politik nachdenken wollen, sondern Fliegenfischen lernen. Bild: F.A.Z.

Was macht man, wenn das Leben besonders hart ist? Man sehnt sich nach Geborgenheit und geht zum Kiosk. Über die vielen Erbauungsmagazine und die Idee, Probleme wegzubasteln.

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          Kaum eine These wurde in den vergangenen Wochen unter Journalisten so obsessiv diskutiert wie jene, ob die Medien den Kontakt zu Menschen außerhalb ihrer eigenen Blase verloren hätten. Gern wurde die kollektive Selbstkritik mit dem Vorsatz verbunden, dringend die Komfortzone des urbanen Mittelklasselebens zu verlassen, und sich wieder vermehrt dorthin zu wagen, wo irgendein Volk zuhause ist, heraus aus der Arroganz der kulturellen Avantgarde, unter Menschen mit echten Sorgen, zu den Vergessenen, den Leuten, die noch mit ihren Händen arbeiten, in die Provinz. Und sicher: Es kann nie schaden, den eigenen Horizont zu erweitern, selbst wenn jenseits vom ihm ein Land wie, sagen wir, Brandenburg liegt.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Problem ist eher: Im Zweifelsfall trifft man bei der Recherche für seine Reportage über die Realität der Globalisierungsverlierer im ländlichen Raum zuerst mal die Kollegen eines Lifestyle-Magazins, die dort eine Fotostrecke über einen ehemaligen Top-Manager produzieren, der den Imker in sich gefunden hat. Und seine Frau, die irgendetwas mit Permakultur macht. Es ist nur ein bisschen wie mit den Ausmalbildern, die solchen Erbauungsheften gerne beiliegen: Ein Bild von der rostigen Wirklichkeit kommt dabei nie raus. Sondern immer nur die Sehnsucht nach Geborgenheit.

          Es sind Trostheftchen für die überforderte Frau von heute

          Der Weg zum nächsten großstädtischen Bahnhofskiosk jedenfalls reicht, um die These von der Blindheit für das harte, ehrliche, echte Leben unter einem Stapel von Seelsorge-Magazinen zu begraben. Wenn es stimmt, dass es eine Parallelwelt gibt, in der sich Menschen danach sehnen, die Probleme von heute mit Rezepten von früher zu behandeln, dann interessieren sich Journalisten schon seit Jahren für sie. Was vor einigen Jahren mit „Landlust“ begann, jenem spektakulär unironischen Harmlosigkeitsheft, dessen Erfolg die professionellen Zyniker der Zeitschriftenbranche ähnlich fassungslos zurückließ wie jetzt der Sieg Trumps ihre leitartikelnden Kollegen, zieht sich mittlerweile quer durch die Regale der Kioske: der Hang zum Eskapismus ist offensichtlich, um es mal mit dem amtlichen Begriff auszudrücken, so nachhaltig, dass er nicht nur dutzende „Landlust“-Klone hervorbrachte, sondern Variationen, die das Thema mit allen erdenklichen Themen durchspielen. Unvorstellbar, wohin und wie variantenreich man sich zurückziehen kann: aufs Land, zur Natur, in die Vergangenheit, zu irgendwelchen Wurzeln – und immer stärker natürlich auch: in sich selbst.

          „Werde“, ein Magazin, das zum Beispiel die Schönheit von Baumrinden feiert.

          „Achtsamkeit“ heißt der Begriff, oder eben „mindfulness“, wenn es englisch sein darf, unter dem zur Zeit ein Magazin nach dem anderen herauskommt. Es sind Trostheftchen für die überforderte Frau von heute, der verschnörkelte Kalendersprüche auf wertvollem Papier helfen sollen, wieder „freundlicher zu dir selbst zu sein“, wie es etwa im Achtsamkeits-Übungsbuch von „Flow“ heißt. Die seit drei Jahren auch auf deutsch bei Gruner + Jahr erscheinenden Streichelzeitschrift „Flow“ (für „Achtsamkeit, Inspiration, Zeitgeist und Paperlovers“) ist zwar nicht ganz so erfolgreich wie „Landlust“, verkauft sich mittlerweile aber auch knapp 100.000 Mal pro Ausgabe und damit gut genug, um selbst ausgiebig kopiert zu werden. Das Magazin „Happinez“ aus dem Bauer-Verlag etwa erreicht mit einer etwas esoterischeren Auslegung des Themas inzwischen eine Auflage von sogar rund 140.000. Diese verdankt sie nicht nur den Texten von und über Paulo Coelho, sondern auch dem Prinzip, ihren Leserinnen ständig in dekorativen Schriften zuzurufen, mutig zu sein und an sich selbst zu glauben.

          Mittlerweile jedenfalls gibt es so viele dieser Magazine, dass man mit den warmen Gedanken und kuscheligen Ideen, die sie versprechen, den härtesten Winter übersteht. Sie heißen „Moment by Moment“, „Ma Vie“ oder „Bewusster Leben“, „Herzstück“, „Engel“ oder „Auszeit“, selbst der Naturkosmetik-Konzern Weleda hofft, mit dem Magazin „Werde“ ein Stück vom Boom einzufangen, was schon deshalb bemerkenswert ist, weil es in den vergangenen Jahren ja eher Verlage waren, die mit branchenfremden Nebengeschäften Geld verdienen wollten.

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