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Late-Night-Shows : Er sieht aus wie Harry Potter

  • -Aktualisiert am

Stephen Colbert beim gemeinsamen Auftritt mit John Oliver vor einem überdimensionierten Abbild seiner selbst Bild: AFP

Im amerikanischen Fernsehen ist die Nachrichten-Satire groß in Mode. Der beste Mann des Faches, Stephen Colbert, wechselt nun zur seriösen Late Night Show. Doch der nächste große Clown wartet schon.

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          Es ist erst wenige Wochen her, dass der Engländer Piers Morgan bei CNN mit seiner Talkshow-Hut nehmen musste, weil er mit seiner unamerikanischen Haltung das Publikum des Nachrichtensenders vergraulte. Jetzt tritt mit John Oliver im amerikanischen Fernsehen ein weiterer Brite an, der die amerikanische Politik verachtungswürdig findet - und die Fernseh-Nachrichten gleich dazu.

          Freilich ist bei Oliver die gepflegte Entnervtheit Programm. Seit sieben Jahren gibt er den „dienstältesten britischen Korrespondenten“ in John Stewarts „Daily Show“. Und auch Olivers neue, eigene Show „Last Week Tonight“ bei dem Abosender HBO ist dezidiert unamerikanisch: eine Nachrichtensendung, die inmitten der „Breaking News“-Landschaft eine ganze Woche vergehen lässt, bevor sie die „Neuigkeiten“ verkündet. Die Wochenzeitschrift „Time“ illustrierte Olivers Verachtung des überambitionierten, fast hysterischen Berichterstatters mit einer Brieftaube auf seiner Schulter. „Wir geben Ihnen die Nachrichten nicht, während sie passieren, sondern eher... letztendlich“, heißt es im Trailer. Oliver bringt außerdem Tim Carvell, den vormaligen Chefautor der „Daily Show“ mit zu HBO. Dort, sagte Carvell, genieße man größere Freiheiten als bei von Werbegeldern abhängigen Sendern. So könne man schärfere Töne anschlagen und sei statt auf irgend einen prominenten Gast auf die interessante Persönlichkeit der Woche gepolt.

          Stephen Colbert
          Stephen Colbert : Bild: REUTERS

          John Oliver ist ein weiterer Alumnus aus John Stewarts Nachrichtensatire, die Leute wie Ed Helms („The Hangover“) und Steve Carell („The Office“) hervorgebracht hat - und natürlich Stephen Colbert, der kürzlich zum Nachfolger des Talkshow-Doyens David Letterman berufen wurde. Auch John Oliver hatte ein Angebot von CBS für eine eigene Show. Und er wäre wohl der logische Nachfolger von Stephen Colbert, wenn er nicht schon im vergangenen November mit HBO die Show verabredet hätte, die heute startet.

          John Oliver ist Brite, Cambridge-Absolvent und mit einer amerikanischen Armeeärztin und Irakkriegs-Veteranin verheiratet, die er bei einem Sketch für die „Daily Show“ auf der Nationalversammlung der Republikaner 2008 kennen gelernt hatte. Über seine Bemühungen, eine Green Card zu erlangen, hat er viel gescherzt, aber seine Herkunft ist sein Kapital. Er ist mit seinem seltsam kehlig klingenden britischen Akzent für das amerikanische Publikum schon komisch, wenn er nur den Mund aufmacht. Und er hat dank seiner frappierenden Ähnlichkeit mit Harry Potter und seiner leicht spießigen Erscheinung eine Harmlosigkeit, die wunderbar mit seinem Intellekt kontrastiert.

          John Oliver
          John Oliver : Bild: AP

          Als Oliver in der „Daily Show“ John Stewart im Sommer 2013 vertrat, kam der große Durchbruch. Die amerikanische Fernsehkritik war hingerissen von seiner Leichtigkeit, und das angesichts des NSA-Abhörskandals, der gerade mit der Enthüllung des PRISM-Programms einschlug. „Wir behaupten ja nicht, dass sie das Gesetz gebrochen haben,“ sagte Oliver damals, „wir finden es nur ein bisschen seltsam, dass sie das gar nicht zu tun brauchten.“

          Dass Stephen Colbert zu den Late-Night-Talkern wechselt, kann John Oliver nur Recht sein. Niemand persifliert die selbstverliebte Rechthaberei der amerikanischen Nachrichtenleute besser als Stephen Colbert, auf diesem Gebiet gibt es nichts zu reißen. Aber dass damit nach dem Ende des „Colbert Report“ Schluss ist, bekräftigte Colbert, als er kürzlich bei David Letterman zu Gast war. Das Publikum wird nun den „echten“ Colbert kennen lernen - einen lebhaften, charmanten und scharfsinnigen Mann mit einem hervorragenden Sinn für Timing.

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