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Entführte Menschenrechtlerin : In den Händen von Al Qaida

  • -Aktualisiert am

Bild: Archiv

In Syrien ist die Menschenrechtsaktivistin Razan Zeitouneh von Islamisten entführt worden. Sie ist eine wichtige Stimme der demokratischen Opposition. Ihre Mitstreiter bangen um ihr Leben.

          Eine Woche nach ihrer Entführung fehlt von Razan Zeitouneh weiter jede Spur. Am Wochenende stürmten Kämpfer der islamistischen Duma-Märtyrer-Brigade ein Haus in dem östlich von Damaskus gelegenen Ort Duma, wo sie die Anwältin vermuteten. Doch die Leiterin des Syrischen Zentrums für Menschenrechtsverletzungen und ihre drei ebenfalls verschwundenen Mitstreiter fanden die Milizionäre nicht. Die Sorge, dass die mit dem Sacharow-Preis des Europaparlaments ausgezeichnete Freiheitskämpferin in die Hände von Al Qaida gefallen sein könnte, wächst. Sechzehn Menschenrechtsorganisationen, darunter Reporter ohne Grenzen, fordern ihre Freilassung.

          Bekannt zu der Entführung hat sich bislang keine Gruppe, doch vieles deutet darauf hin, dass der Al-Qaida-Ableger Islamischer Staat im Irak und Syrien (Isis) oder dessen Verbündete dahinterstehen. Sechzig Oppositionelle sollen sich in der Gewalt des Terrornetzes befinden und 35 Reporter. Besonders schlimm ist die Lage in Raqqa: Ende November schlossen die Betreiber des Revolutionären Medienzentrums ihr Büro in der nordsyrischen Stadt, nachdem ein Mitarbeiter von Isis-Kämpfern zusammengeschlagen worden war, weil er den Marktplatz gefilmt hatte. Im Oktober waren zwei Medienaktivisten entführt worden. Die Dschihadisten hatten sie zuvor bezichtigt, für das Regime Baschar al Assads zu spionieren.

          Von der UN verlassen

          Dass syrische Journalisten im von Isis gehaltenen Raqqa und in anderen Städten auf den schwarzen Listen des Al-Qaida-Ablegers stehen, wird in der westlichen Medienberichterstattung nur am Rande erwähnt. Im September hatten auf dschihadistischen Websites Aufrufe kursiert, „alle Journalisten gefangen zu nehmen“, besonders ausländische, da diese „vom Westen besoldete Spione“ seien.

          Damit war auch Razan Zeitouneh gemeint. Am Tag nach ihrem Verschwinden wurde bekannt, dass die spanischen Journalisten Ricardo Garcia Vilanova und Javier Espinosa schon im September entführt worden sind. „Sie sind keine Aktivisten“, schrieben Kollegen in einem Aufruf an die Entführer, die Berichterstatter wieder freizulassen. „Sie sind Journalisten, die an etwas glauben, was im Medienbusiness immer seltener wird: an der Front zu sein, an dem Ort, wo im Krieg die schlimmsten Dinge passieren.“

          An der Front befand sich auch Razan Zeitouneh, und das schon seit Jahren. Zunächst als Anwältin von Gegnern Assads, von März 2011 an im Untergrund in Damaskus, wo sie Vergehen von dessen Sicherheitskräften dokumentierte. Als die Lage in der Hauptstadt zu gefährlich wurde, floh sie in die Gebiete der Ost-Ghuta. Den Giftgasangriff auf die Gegend erlebte sie mit. „Der Chemiewaffenangriff war eine Zäsur“, schrieb sie. Als „Erschütterung und Demütigung“ habe sie die vom UN-Sicherheitsrat verabschiedete Resolution zur Vernichtung der syrischen Giftgaswaffen empfunden: „Diese Resolution impliziert, dass der Täter, Baschar al Assad, noch mindestens ein weiteres Jahr an der Macht bleibt – und das mit Duldung der internationalen Gemeinschaft.“

          Starker Rückhalt in der syrischen Opposition

          Zeitounehs Entführung erinnert daran, dass hinter den Fronten des Syrien-Kriegs Aktivisten weiter streiten für das, was von Beginn an den Kern des Kampfes der arabischen Jugend gegen die autoritären Regierungen der Region ausmachte: Freiheit und Gerechtigkeit. Eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen und sich für ein freies, pluralistisches Syrien einzusetzen, das ist für Razan Zeitouneh eins: in Berichten ihres Zentrums, das Menschenrechtsverletzungen, Verhaftungen und Folter dokumentiert, aber auch im Internet, auf Facebook, Youtube und Twitter.

          Die Hoffnung von Menschenrechtlern und Bürgerjournalisten, mit Youtube-Videos über die Gewalttaten von Polizei und Armee den Westen zum Eingreifen in den Konflikt zu bewegen, hat sich zerschlagen. Inzwischen steht dem staatlichen Terror mit bald 140000 Toten und Zehntausenden in den Gefängnissen derjenige der Dschihadisten in nichts nach. In Raqqa, wo der Al-Qaida-Arm Isis ein blutiges Regime installiert hat, sind ausländische und syrische Journalisten ebenso Ziel der Milizionäre wie Bürgerrechtler. Revolutionäre Radios und Zeitungen, die dem Aufstand eine Stimme geben, sind in ihrer Existenz bedroht. Anfang Dezember forderte ein Bündnis von 23 Oppositionsmedien die Freilassung entführter Kollegen und ein Ende der Einschüchterung durch die islamistischen Kämpfer.

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