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Emig-Prozess : Der Intendant weiß von nichts

Hatte schon angenehmere Auftritte: Helmut Reitze Bild: AP

HR-Intendant Helmut Reitze ist als Zeuge im „Emig-Prozess“ kaum in die Bredouille geraten. Selbstkritik lässt er nur zart anklingen. Emigs mutmaßliche Finanzmanipulationen stellte er als Einzelfall dar.

          Der Intendant des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze, hat in dem Prozess gegen den früheren Sportchef des Senders, Jürgen Emig, dessen mutmaßliche Finanzmanipulationen als Einzelfall dargestellt. Von einem „System HR“, wie Emig behaupte, könne keine Rede sein. Reitzes Einschätzung nach hat Emig bei der Beschaffung von Drittmitteln für Sportübertragungen in beachtlichem Maße verschleiert und vertuscht.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dem Dreiundsechzigjährigen wirft die Staatsanwaltschaft vor, in den Jahren 2000 bis zu seiner Ablösung als HR-Sportchef im März 2004 über die Agentur SMP, die verdeckt durch einen Treuhänder seiner Frau gehörte, mehr als 500.000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben. Emig ist der Untreue, der Bestechlichkeit und des Betrugs angeklagt.

          Reitze, seit Januar 2003 im Amt, stellte sich vor Gericht selbst die rhetorische Frage, ob ihm schon früher etwas hätte auffallen müssen. Er habe oft darüber nachgedacht, aber keine Versäumnisse bei sich erkennen können. Dass er im Herbst 2003 nicht aufmerksam wurde, als der Veranstalter des Ironman in Frankfurt, Kurt Denk, sich bei dem Ministerpräsidenten Roland Koch darüber beschwert hatte, fast 100.000 Euro für die Übertragung im HR beisteuern zu müssen, der Brief an ihn weitergeleitet wurde und ihm verborgen blieb, dass knapp 70.000 Euro davon dem Sender vorenthalten blieben, erklärt Reitze damit, eben nur Emig habe von dieser Diskrepanz gewusst. Der Intendant bat damals ebenjenen „Mittelstellenleiter“ Emig, ihm eine Antwort auf den Beschwerdebrief zu entwerfen.

          Ausführliches Gewinnspiel

          „Vierzehn Monate nach meinem Amtsantritt war Emig nicht mehr Sportchef des HR“, rechnet sich Reitze zu einem nicht kleinen Teil als Ergebnis persönlicher Investigation an. Als sich die Gerüchte um den Sportchef mehrten, die Revisionsabteilung aber wiederum keine Beweise fand, ließ sich der Intendant im März 2004 das Band einer Eishockeyübertragung bringen. Von den fünf Minuten Sendezeit seien 51 Sekunden für ein Gewinnspiel in der Drittelpause verwendet worden, erinnerte sich Reitze. Seine Erfahrung als Journalist habe ihm gesagt, das gehe nicht mit rechten Dingen zu. Auf seine Nachfrage hin habe der Reporter berichtet, er sei von Emig angewiesen worden. Wie sich herausstellte, hatte Emigs Ehefrau über ihre offiziell betriebene Agentur den Zeitvertreib namens „Lucky Shot“ in der Kasseler Eissporthalle organisiert. Da Emig eine solche familiäre Zusammenarbeit schon früher untersagt worden war, suspendierte ihn der Intendant als Sportchef. Wenig später einigte man sich darauf, es nach außen hin als freiwilligen Rückzug zu einer Tätigkeit mit „besonderen Aufgaben“ zu tarnen.

          Noch ein weiteres Jahr verging, ehe der HR den als „Mister Radsport“ bekannten, wegen seines Akquisitionstalents ehemals sogar prämierten Mitarbeiter fristlos entließ. Die Staatsanwaltschaft hatte die Sportredaktion und andere Büros durchsucht, das Aufsehen war beträchtlich, Emig kam in Untersuchungshaft.

          „Eine der größten Enttäuschungen“

          Reitze sprach gestern von einer der größten Enttäuschungen in seinem Berufsleben. Als Reaktion auf die Affäre habe er sich jedoch dagegen entschieden, wie in einigen anderen Sendern der ARD, die Stelle eines Ombudsmanns einzurichten: „Ich wollte nicht wegen des Fehlverhaltens eines Einzelnen die anderen unter Generalverdacht stellen.“

          Der Vorsitzende Richter Christopher Erhard, dessen Kammer auf Korruptionsdelikte spezialisiert ist, bezweifelte, ob man diese Schlussfolgerung ziehen müsse. Ob das Gericht der Einschätzung des HR folgt, der Sportchef eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei „wegen der Staatsferne“ nicht als Amtsträger einzustufen, bleibt offen. Die Staatsanwaltschaft hat Emig als solchen angeklagt, was bei nachgewiesener Korruption Strafverschärfung nach sich ziehen würde.

          Reitze verteidigte die Zuschüsse für Sportübertragungen, „Beistellungen“ genannt, als „juristisch in Ordnung“; darüber habe in der ARD Einigkeit geherrscht. Jedoch sei für ihn eine Konsequenz aus dem Fall Emig gewesen, von April 2004 an darauf zu verzichten und nur noch „Titel-Sponsoring“ zuzulassen.

          Zwischen Reitze und Emig kam es nur gegen Ende der Verhandlung zu einem kurzen Wortwechsel darüber, wie stark der Intendant bei Absprachen mit dem Sponsor der Übertragung des Pokalspiels zwischen Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach im September 2003 eingebunden gewesen sei. Es sei ein üblicher Vertrag, kombiniert mit einigen Werbespots, gewesen. Er habe nicht, wie von Emig behauptet, zugestimmt, dass der Sponsor als verdeckte Gegenleistung im Hörfunk zu seinen Geschäften interviewt werde, sagte Reitze. Am 9. September will das Gericht Reitzes Vorgänger Klaus Berg als Zeuge hören.

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