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„El País“-Chefredakteur Javier Moreno : Ich habe nicht vor, mich zurückzuziehen

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Die Frage nach dem Gehalt des Präsidenten des Mutterkonzerns Prisa hält er tendeziell für demagogisch: Javier Moreno Bild: Reuters

149 Mitglieder der Redaktion von „El País“ sollen entlassen werden. Vom Chefredakteur wollen wir wissen, wie das, trotz schwarzer Zahlen, zu erklären ist. Und wie es um die Verantwortung des Medienkonzerns Prisa bestellt ist.

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          Herr Moreno, die angekündigte Entlassung von 149 Mitarbeitern von „El País“ hat in der Redaktion und unter den Lesern Entgeisterung ausgelöst. Man sieht sich das Geschäftsergebnis der Zeitung über die letzten Jahre an, das immer noch positiv ist, und dann sieht man sich die Zahlen der Prisa-Gruppe an, die auf gigantische Schulden hinauslaufen und dem Mutterkonzern die Beteiligung des von Nicolas Berggruen geführten Investmentfonds Liberty eingebracht haben. Wie erklärt man Redakteuren, dass ein Drittel der Redaktion entlassen wird?

          Die wirtschaftlichen Probleme von „El País“ haben nichts mit den Problemen des Prisa-Konzerns zu tun. Unserer Zeitung ergeht es so wie anderen großen Blättern, ob es sich um „Le Monde“ oder die „New York Times“ handelt: Die Anzeigen gehen zurück, die Einnahmen sinken, die Auflage schrumpft. Mit den gegenwärtigen Einnahmen können wir den Kostenapparat der Zeitung nicht halten. Die Wirtschaftskrise in Spanien hat das Problem noch verschärft. Ich kann es auch in Zahlen ausdrücken: In den letzten fünf Jahren haben wir zweihundert Millionen Euro weniger eingenommen als in den fünf Jahren davor.

          Warum haben Sie die jetzt geplanten Einsparungen nicht schon im Lauf der letzten Jahre vorgenommen?

          Weil für den Betriebsrat dieser Zeitung jeder Versuch in dieser Richtung ein „Casus Belli“ war. Solange wir Gewinne gemacht haben, war es unmöglich, jemanden zu entlassen. Einige Mitarbeiter sind in den Vorruhestand gegangen und durch junge Leute ersetzt worden, das war alles.

          „El País“ war bisher bei Sozialthemen und den klassischen Anliegen der Linken die vernehmbarste spanische Stimme. Macht Ihnen der gewaltige Protest gegen die Massenentlassungen keine Sorge? Könnte nicht etwas dran sein an dem Argument, dass schon mit einem kleinen Teil des Jahresgehalts von Juan Luis Cebrián, dem Präsidenten der Prisa-Gruppe und Präsidenten von „El País“, ein Dutzend Arbeitsplätze erhalten werden könnte?

          Ja, so etwas lässt einen aufhorchen. Aber es ist ein Thema, das oft mit demagogischer Absicht benutzt wird.

          So demagogisch kam mir meine Frage nicht vor.

          Nein, Ihre Frage nicht. Aber der Betriebsrat benutzt den Vergleich in demagogischer Weise. Zum einen, weil der Präsident der Prisa-Gruppe seit rund zwanzig Jahren keinen einzigen Euro von „El País“ erhält. Zum anderen entfallen auf die Zeitung weniger als zehn Prozent der Einnahmen von Prisa. Nicht die Tageszeitung, sondern die Aktionäre des Konzerns entscheiden über das Gehalt von Herrn Cebrián.

          Ja, aber man kann die Frage doch stellen und den sozialen Kontext in den Blick nehmen. Wer 80000 Euro im Jahr verdient, macht sich von den dreizehn Millionen des Herrn Cebrián eine gewisse Vorstellung. Wäre es nicht denkbar, dass man ein Zeichen setzt, wie es etwa der „Guardian“ getan hat, als sich dessen Führungsfiguren das Gehalt gekürzt haben?

          In unserer Zeitung haben wir das auch getan.

          Lässt sich das in Zahlen ausdrücken?

          Natürlich. Leitende Redakteure und darüber bekommen ein Fixgehalt sowie Variablen. Von 2008 bis 2010 haben alle, die mehr als hunderttausend Euro verdienen, ihr Gehalt freiwillig um acht Prozent gesenkt. Nach zwei Jahren sind wir wieder auf die frühere Stufe geklettert. Um diese Zeit wurde das Gehalt der gesamten Redaktion um sieben Prozent gekürzt, und diese Kürzung haben wir auch mitgemacht.

          Die Arbeitsatmosphäre ist zurzeit schlecht. In den letzten beiden Wochen wurde die Kolumne einer Mitarbeiterin zensiert, und es heißt, Sie hätten einen nach dem anderen die Korrespondenten angerufen, damit sie sich nicht an der Protestaktion mit den ungezeichneten Artikeln beteiligen.

          Das stimmt. Das Redaktionsstatut und unser „Stilbuch“ sehen die Weigerung, einen Artikel mit Namen zu zeichnen, nur in einem bestimmten Fall vor: wenn der Beitrag gegen den Willen des Autors maßgeblich verändert wurde. Das Recht, den Namen zu verweigern, schützt die Redaktion. Mit der Verweigerung des Autorennamens kollektiven Druck auszuüben ist dagegen nicht legitim.

          Wie soll die Zeitung denn aussehen, die Sie künftig mit einem Drittel weniger Redakteuren machen wollen?

          Die Zeitung wird globaler sein und stärker vom Internet abhängen. Die Richtung ist klar: Das Papier wird weniger, das Netz nimmt zu. Inzwischen sind wir in Spanien und Lateinamerika das stärkste Online-Medium. Wo Spanisch gesprochen wird, liegen wir vorn. Und in Europa ist die digitale Ausgabe von „El País“ unter den ersten fünf.

          Haben Sie vor, Chefredakteur von „El País“ zu bleiben?

          Ja. Absolut.

          Aber wie führt man eine Redaktion, die mehrheitlich Ihren Rücktritt gefordert hat?

          Ich bin nicht der Vollversammlung der Belegschaft verantwortlich, sondern den Führungsgremien von „El País“ und der Prisa-Gruppe. Ich kann Ihnen versichern: Die Gerüchte über meine baldige Absetzung sind falsch.

          Hegen Sie Pläne, in eine leitende Funktion beim Prisa-Konzern aufzurücken?

          Nein.

          Sie wissen, das ich Ihnen diese Frage stellen muss.

          Schon klar. Aber der Chefredakteursposten ist meine Aufgabe, und ich habe nicht vor, mich so bald zurückzuziehen.

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