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Eklat um „Tal der Wölfe“ : Der Rächer der türkischen Witwen

Die türkische Serie „Tal der Wölfe“ zeugt von offensivem Nationalismus. Als die Bösen erscheinen immer die Amerikaner oder die Israelis. Das hat zu einem schwerwiegenden Eklat mit Tel Aviv geführt.

          Es wird viel gestorben und geblutet in der Wolfsschlucht. Eine Doktorandin der Gazi-Universität in Ankara hat für ihre Dissertation über Mafiafilme als Ausdruck der Populärkultur mitgezählt: In den 55 Folgen der ersten Staffel der türkischen Fernsehserie „Tal der Wölfe“ kam sie unter anderem auf 411 Morde, 152 Verletzungen, 111 Schießereien, 110 Fälle von Folterung und drei Vergewaltigungen. Eine spätere Zählung aus anderer Quelle ergab bis zur Folge 76 eine Gesamtzahl von 2400 Leichen, eine Quote von mehr als 31 Toten pro Film.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Zu Beginn dieser Woche wurde die Serie zumindest vordergründig zum Ausgangspunkt eines türkisch-israelischen Eklats: Der Botschafter der Türkei war am Montag in das israelische Außenministerium zitiert worden, wo ihm die Kritik an der jüngsten Folge übermittelt wurde, in der israelische Diplomaten als Entführer und Mörder erscheinen. Die Demarche wurde unter für den Diplomaten schmählichen Umständen übermittelt, Ankara drohte, er werde das Land verlassen, wenn eine Entschuldigung ausbleibe. Diese kam, der Botschafter bleibt.

          Aufruf zur Bandenbindung

          Die umstrittene Fernsehserie trat im Januar 2003 ihren Quotensiegeszug an. Ihr Held ist Polat Alemdar, eine nationalistischer Robin Hood, der türkische, zumindest muslimische Witwen und Waisen beschützt und deren vorzugsweise jüdischen, amerikanischen oder auf andere Art verdächtigen Peinigern den Garaus macht. Es ist eine Mischung aus „Pulp Fiction“ und einer brutalen Version der „Lindenstraße“, nur viel eindimensionaler. Geschichten, die mitunter einen wahren Kern haben, werden hemmungslos mit Verschwörungstheorien vermischt, was die viele Zuschauer kaum unterscheiden können und wohl auch nicht sollen.

          Aus Kommentaren in Internetforen lässt sich erkennen, dass Bewunderer des Polat Alemdar ihr Bild der Wirklichkeit aus dem „Tal der Wölfe“ beziehen. Darin geht es um kurdischen Terrorismus und böse ausländische Mächte wie den Mossad oder die CIA, welche die Türkei spalten wollen. Der Schriftsteller Murathan Mungan sagte über die Serie einst, sie greife auf Chauvinismus und Rassismus zurück und rufe junge Leute nachgerade dazu auf, gewalttätige Banden zu bilden. Solche Äußerungen werden von Zeitgenossen, die sich überlegen dünken, gern als soziologische Überinterpretation abgetan, doch der Verdacht gegen Risiken und Nebenwirkungen Polat Alemdars ist mehr als das. Ein vierzehnjähriger Junge, der im März 2006 im Streit einen Mitschüler niederstach, prahlte später vor der Polizei, er habe nur gehandelt, wie es Polat Alemdar getan hätte. Bei einer unter 1850 Schülern erhobenen Umfrage in siebzehn Provinzen wurde die Frage nach Vorbildern gestellt. Kein Name wurde so oft genannt wie der des Polat Alemdar. Er beeindruckte die Kinder als Mann, der nicht große Worte macht und zu Gewalt greift, „wenn die andere Seite es verdient“.

          Organentnahme bei lebendigem Leib

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