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Eklat um Sarrazin-Film : Freiheit, die ich meine

Thilo Sarrazin mit einem Kamerateam des ZDF bei einem Gemüsehändler in Berlin Kreuzberg Bild: dpa

Die Journalistin Güner Balci wollte mit Thilo Sarrazin einen Spaziergang durch Kreuzberg und Neukölln drehen - bis der Pöbel die Dreharbeiten beendete. Nun setzt der Deutsche Kulturrat der denunziatorischen Unkultur die Krone auf.

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          Ein kleiner Film wird gedreht, für das ZDF. Er soll vom Autor des Buches „Deutschland schafft sich ab“, Thilo Sarrazin, handeln und vor allem von der seit einem Jahr anhaltenden Diskussion um seine Streitschrift. Neben Christian Raupach hat man die Dokumentaristin Güner Balci damit beauftragt. Wer Balcis Bücher und Filme kennt, wird wissen, dass sie sich verordneten Denkverboten nicht fügt, dass sie außerdem im Unterschied zu vielen ihrer Kollegen das Milieu, sie nennt es die Basis, um das sich der verbissene Sarrazin-Streit dreht, ausgezeichnet kennt: Sie ist dort aufgewachsen und sie hat nicht zuletzt viel Kraft, Hoffnung und Zeit darauf verwendet, um Integrationsblockaden aufzubrechen.

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          In der vergangenen Woche also hatte sie Gespräche in Berlin-Kreuzberg vereinbart; das Drehteam und der Protagonist hatten sich unter anderem auf einem Markt angemeldet, in einem Restaurant und bei den Aleviten. Es sollte ein Spaziergang werden, schrieb Güner Balci Tage später in der „Welt“ über den unglaublichen Verlauf ihrer Kreuzberg-Recherche. Der Besuch sollte ohne selbstgefällige Migranten-Verbandsvertreter, ohne Gesinnungswächter stattfinden, sondern ein Ausflug ins wirkliche Leben werden. Balci wollte Sarrazin und die Leute endlich einmal zusammenbringen, über die seit Erscheinen des Buches so viel geredet wird. Doch während die ersten, durchaus emotionalen Gespräche laufen, bildet sich eine parallele Gruppe, die immer lauter wird und irre Parolen grölt, weil ihr das nicht passt. Bald geht es nicht um Streit, sondern um klare Fronten, um Freund oder Feind und um Kreuzberg als dialogfreie Zone.

          Olaf Zimmermann faselt von Seriosität

          Sarrazin ist der Feind, das Symbol für das Deutschland der Rassisten. Wer sich mit ihm zeigt, ist beschmutzt. So haben es jene beschlossen, die glauben, die Deutungshoheit über den Ton auf den Straßen zu haben. Der Dreh muss schließlich abgebrochen werden, weil der Pöbel es so will. Der stolze Wirt darf seine Geschichte vom Aufstieg, vom Tellerwäscher zum Millionär, nicht erzählen und auch keine seiner Fragen stellen, auf die er sich sorgfältig vorbereitet hat. Und schon gar nicht darf er diese Gäste bewirten, sonst droht Boykott. Auch die Alevitische Gemeinde, die gern mit ihrer Offenheit kokettiert, gibt dem Druck nach.

          Am Montag nun setzte der Deutsche Kulturrat dieser denunziatorischen Unkultur die Krone auf. Sein Geschäftsführer Olaf Zimmermann, dessen Pressemitteilungen Redaktionen jeden Tag nerven, unterstellte dem ZDF, es habe den Eklat, der Einschaltquoten wegen, inszeniert. Er faselt von Seriosität, die Schaden genommen habe, hält es aber nicht für nötig, mit den Autoren des Films zu reden, geschweige denn Balcis Bericht über die Säuberung des Diskurswesens zu lesen. Dass er die Presse- und Meinungsfreiheit mit Füßen tritt, ficht den Eiferer Zimmermann nicht an. Was kommt als Nächstes – Schwarze Listen und Zensur?

          Tatsächlich fragen sich viele, ob Balci mit dieser Reaktion nicht hätte rechnen müssen. Sie sagt „nein, wo kämen wir denn da hin!“ Und sie hätte sich, anders als der Wirt, nicht angepasst, sondern lieber die Polizei gerufen. Sie möchte außerdem klarstellen, dass sie weder, wie nun behauptet und im Internet diskutiert wird, Alevitin oder anders muslimisch ist und auch keine Kurdin, sondern zuerst einmal eine deutsche Journalistin, Geburtsort Berlin, mitten im freien Europa.

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