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Beschlagnahmtes Interview : Was hat Michel Friedman den türkischen Minister gefragt?

Als der Minister merkte, dass er nicht gefragt wurde, wie er sich das vorstellte, wurde es eng: Michel Friedman nahm als Interviewer kein Blatt vor den Mund. Bild: dpa

Der Protest gegen die Konfiszierung des Interviews, das Michel Friedman für die Deutsche Welle mit dem türkischen Minister Akif Kilic führte, wird lauter. Jetzt schaltet sich die Bundesregierung ein.

          In den Disput um das beschlagnahmte Interview, das der Journalist Michel Friedman für die Deutsche Welle mit dem türkischen Jugend- und Sportminister Akif Cagatay Kilic führte, hat sich jetzt auch - nach Aufforderung von vielen Seiten - die Bundesregierung eingeschaltet. Sie unterstütze die Forderung des deutschen Auslandssenders, dass die Aufnahme des Gesprächs herauszugeben sei. „Die Pressefreiheit ist für uns ein hohes, nicht zu verhandelndes Gut“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Dies gelte nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der deutsche Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann, trat in der Causa am Mittwoch an die türkische Regierung heran. Er habe ein „konstruktives“ Telefonat mit dem Büroleiter des Ministers Kilic geführt, teilte das Auswärtige Amt mit.  Konkreter wurde das Ministerium nicht.

          Der Sportminister gibt sich ahnungslos

          Die türkischen Behörden hatten das Interview, das der Journalist Michel Friedman am vergangenen Montagabend für die Deutsche Welle mit dem türkischen Jugend- und Sportminister Akif Cagatay Kilic führte, beschlagnahmt. Was der Minister allerdings bestreitet. Sein Büro habe „nur„ gefordert, dass das Interview nicht in der geführten Form ausgestrahlt werde. Die Deutsche Welle müsse dem Wunsch nach einer Autorisierung des Gesprächs nachkommen. Das Einziehen der Aufnahme will Kilic nicht als Beschlagnahme verstanden wissen. Sein Ministerium habe lediglich eine „Verfügungsgewalt“ angewendet.

          Die Behauptung, dass das Interview nicht beschlagnahmt worden sei, bezeichnete ein Sprecher der Deutschen Welle als „schlichtweg abenteuerlich“: „Wenn das Videomaterial nicht unrechtmäßig konfisziert worden wäre, hätte die Deutsche Welle das Material noch und könnte die Sendung wie geplant ausstrahlen.“

          Wie es zu dem Eklat kam

          Zudem spricht die Schilderung des Hergangs, wie sie Michel Friedman im Gespräch mit dem Deutschlandfunk am Mittwoch gab, eine andere Sprache. Friedman erzählte, wie die Beschlagnahme vor sich ging und welche Fragen er stellte – die dem Minister offenbar so unangenehm waren, dass es zum Eklat kam.

          Welche Themen hatte Friedman angesprochen? Alle, die man sich in einer Sendung vorstellt, die „Conflict Zone“ heißt. Er habe nach dem Putsch, nach dem Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland gefragt, nach der Bundeswehr in Incirlik, nach der Visafreiheit und nach dem Umgang der türkischen Regierung mit den Kurden, sagte Friedman im Deutschlandfunk. Er habe sich erkundigt nach der Lage der Presse, nach den Massenverhaftungen von Journalisten, Richtern und Lehrern und nach dem Frauenbild der türkischen Regierung. Auch habe er wissen wollen, ob sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan noch als weltlicher Herrscher sehe oder als Imam, der religiöse Vorgaben mache, etwa zu Frauenrechten und dem Thema Verhütung. Da sei es dem Minister endgültig zu viel geworden.

          Am schwierigsten sei das Gespräch geworden, sagte Friedman im Deutschlandfunk, als der Minister gemerkt habe, dass aus der offenbar bei ihm vorhandenen Vorstellung, „dass gefragt werden soll, wie er will“, nichts wurde.

          Gleichwohl habe man sich nach dem Interview in üblicher Gepflogenheiten voneinander verabschiedet. Unüblich wurde es dann, als das Drehteam der Deutschen Welle vom Pressesprecher des Ministers aufgehalten und aufgefordert wurde, das Interview nicht zu senden. Das wiesen Friedman und sein Team selbstverständlich zurück. Doch dann habe der Presseoffizier den türkischen Kameramann des Teams angewiesen, ihm den Chip mit der Aufnahme des Interviews auszuhändigen – er bekam ihn schließlich in die Hände. Dagegen habe die Deutsche Welle postwendend Protest bei der türkischen Regierung eingelegt und ihr bis Dienstagmittag Zeit gegeben, die Aufnahme zurückzugeben. Als dies nicht erfolgte, habe man den Vorgang öffentlich gemacht.

          „Tatbestand der Nötigung“

          Der Intendant der Deutschen Welle, Peter Limbourg, sprach von einem „neuen eklatanten Verstoß gegen die Pressefreiheit in der Türkei“. Die türkische Führung erfülle „den Tatbestand der Nötigung“. „Das hat mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nichts mehr zu tun“, sagte Limbourg. Es könne nicht sein, dass ein Minister ein Interview gebe und dann die Ausstrahlung verhindern wolle, „weil ihm die Fragen nicht gepasst haben.“

          Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall hatte das deutsche Auswärtige Amt aufgefordert, sich einzuschalten. Hier handele es sich um einen „Angriff auf die Pressefreiheit, wie wir ihn nur aus Diktaturen kennen.“ Die Grünen-Medienpolitikerin im Bundestag, Tabea Rößner, hatte gesagt: „Die Attacken gegen die Pressefreiheit werden immer dreister. Dass jetzt auch ungeniert das Material von einem deutschen Sender einkassiert wird, ist ein noch nicht dagewesener Vorfall. Die Situation in der Türkei für einheimische und ausländische Journalisten verschlechtert sich mit jedem Tag. Eine kritische Berichterstattung wird mit allen Mitteln torpediert. Wie lange will die Bundesregierung dem Treiben der Regierung Erdogans noch tatenlos zuschauen?“  „Klare Worte der Bundeskanzlerin“, so Tabea Rößner, „dass so ein Verhalten nicht hinnehmbar ist“, seien „überfällig“.

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