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Eklat beim „Daily Telegraph“ : Ein Kragen platzt

Aus Angst, einen wichtigen Anzeigenkunden zu verlieren, soll der „Daily Telegraph“ handzahm über die HSBC-Bank berichtet haben. Bild: Philip Lisowski

Peter Oborne war der bestbezahlte Kolumnist des „Daily Telegraph“. Jetzt rechnet er mit der Zeitung ab: Über den Geldwäscheskandal um die Bank HSBC berichtete sie fast nichts. Das habe Gründe. Englands Presse ist in Aufruhr.

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          Der ebenso charmante wie kultivierte Sir Alan Moses, ein ehemaliger Richter, der den Vorsitz der neuen britischen Presseaufsicht „Independent Press Standards Organisation“ (Ipso) übernommen hat, trug bei seinem Auftritt vor dem parlamentarischen Ausschuss für Kultur, Medien und Sport einen aparten Haifischkragen. Auf der Tagesordnung stand der Eklat um den „Daily Telegraph“, dem vorgeworfen wird, in der Berichterstattung über den Steuerhinterziehungs- und Geldwäscheskandal um die Großbank HSBC seine redaktionelle Integrität über Bord geworfen zu haben, um einem wertvollen Anzeigenkunden nicht zu brüskieren. Während die meisten anderen britischen Zeitungen groß aufmachten mit den anrüchigen Geschäften, musste man im „Telegraph“ nach Meldungen zur Sache suchen. Zudem war eklatant, dass die im „Telegraph“ erschienenen Beiträge eher die Auswirkungen der Enthüllungen auf die Politik thematisierten, statt die Vorwürfe gegen HSBC zu untersuchen. Das war für Peter Oborne, einen der höchstbezahlten britischen Kolumnisten, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Oborne ist seit fast fünf Jahren leitender politischer Kolumnist des „Telegraph“. Schon Ende vergangenen Jahres hatte er aus Gewissensgründen seinen Rücktritt eingereicht, weil ihm die Entwicklung der Zeitung nicht behagte. Mit der Geschäftsführung hatte er sich jedoch geeinigt, bis zum Ende der Kündigungsfrist von sechs Monaten weiterzuarbeiten und ohne weiteres Aufhebens auszuscheiden. An dieser Absicht änderte auch nichts, dass Oborne Mitte Januar mitgeteilt wurde, seine Kolumne werde zwar eingestellt, sein Gehalt allerdings bis Ablauf des Vertrages gezahlt.

          Kein Vertrauen in die Medienaufsicht

          Erst durch die Vertuschung des HSBC-Skandals in seinem Blatt sah sich Oborne in die Pflicht genommen, seinen Verdruss über die zunehmende Beeinträchtigung der Redaktion des „Telegraph“ durch kommerzielle Interessen öffentlich zu machen. In einer spektakulären Anklageschrift legte er in der vergangenen Woche die Gründe für seine Kündigung dar und beschuldigte die Leitung des „Telegraph“ des Betrugs an den Lesern. Sein vom Online-Forum „Open Democracy“ veröffentlichtes „J’accuse“ fand enormen Nachhall - wohl nicht zuletzt, weil die ganze Branche über mögliche Folgen der wirtschaftlichen Zwänge alarmiert ist, vor die sich die krisengebeutelten Printmedien gestellt sehen. Die Grenzen zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung, so die Befürchtung, drohen zu verschwimmen.

          Artikel über die Geldwäsche bei der HSBC erschienen im „Daily Telegraph“ nur vereinzelt.

          Andreas Whittam Smith, ein ehemaliger Wirtschaftredakteur des „Telegraph“ und Mitgründer des „Independent“, nannte die „Telegraph“-Affäre in seiner Kolumne „eine der erstaunlichsten Ereignisse in der langen Geschichte überregionaler Zeitungen“. In den Meinungsspalten der Konkurrenz war man sich einig: Die Integrität eines der angesehensten britischen Zeitungstitel stehe auf dem Spiel. Oborne und andere riefen, dies sei ein Fall für die neue Presseaufsicht, die aus der Levesen-Kommission hervorgegangen ist, die den Abhörskandal bei Murdochs „News of the World“ untersuchte.

          Es zeugt von dem mangelnden Vertrauen in die neue Medienaufsicht Ipso, dass der „Guardian“, die „Financial Times“ und der „Independent“ sich nicht an ihr beteiligen. Und dass der „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger seine Twitter-Kommentare über den Auftritt von Sir Alan Moses vor dem parlamentarischen Ausschuss mit dem Kommentar einleitete: „Wer ist der Schneider von Sir Alan Moses? Sehr fescher Kragen.“ Durch Fragen über seine Position, die Unabhängigkeit des Gremiums und dessen Fähigkeit, den „Telegraph“ zur Rechenschaft zu ziehen unter Druck gesetzt, hatte Moses nervös an seinem Haifischkragen gezupft.

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