https://www.faz.net/-gqz-9k31q

Udo Lindenberg in der ARD : Wie man mit dem Hammer textet

  • -Aktualisiert am

Segelt gen „Lindischen Ozean“: der Sänger Udo Lindenberg auf der „Mare Frisium“ Bild: MDR

Sonderkahn nach Udopia: Die ARD zeigt Udo Lindenbergs zweites „MTV Unplugged“-Konzert mit einer samtigen Begleitdokumentation „auf dem Lindischen Ozean“. Wer diesen Unsinn rettet, ist ja klar.

          Er ist unser Mick Jagger, klar. Aber unser Lou Reed ist er auch. Unser Marvin Gaye, unser Lemmy, unser Leonard Cohen, unsere Patti Smith. Die besten musikalischen Ingredienzen, eingerührt in einen Eimer Eierlikör: Stark wie Hundert ist er, dieser Cocktail, der traditionell tiefgefroren mit Hut und Brille serviert wird. Udo Lindenberg ist eine der wenigen authentischen Ikonen hierzulande, nahbar und ungreifbar zugleich, engagierter Träumer und alterslose Kunstfigur aus „Scheißegalien“, Punk mit Niveau und lässigster Paniker des Planeten, aber vor allem ist er jemand, der den Rhythmus tatsächlich im Blut hat. Keine Silbe vermag er hinzunuscheln, ohne dass das Genuschelte zugleich schon groovte. Nebenbei hat er den intelligenten Deutsch-Rock nicht nur erfunden, sondern zeigt bis heute dreitagebärtigen Popschlager-Schnöseln, die in ihrer kitschigen oder – noch schlimmer – therapeutischen Gefühlstextesuppe herumtreiben, wie man mit dem Hammer songtextet: „Alles, was sie anhat, ist ihr Radio.“ Barfuß in Alaska kommt man auf solche Zeilen nicht.

          Es ist so schön wie verdient, dass der bald Dreiundsiebzigjährige („Aber einer muss den Job ja machen“) seit einem guten Jahrzehnt wieder obenauf schwimmt. Seine mit befreundeten Musikern (Inga Humpe, Clueso, Max Herre) eingespielte Live-Aufnahme ewiger Lindenberg-Hits aus dem Jahr 2011 verkaufte sich gar über eine Million Mal. Benannt war das in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel aufgenommene „MTV Unplugged“-Album nach dem Hotel Atlantic, jenem Raumschiff, mit dem dieser erzcoole Außerirdische mitten in Hamburg gelandet ist und das er bis heute bewohnt.

          Eine gut geschmierte Verwertungsmaschinerie

          „Unplugged“ mag Intimität suggerieren, den kleinen Rahmen, halb Improvisiertes, aber dahinter surrt eine gut geschmierte Verwertungs- und Werbemaschinerie. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis man – in diesem Fall MTV, Warner Music und die ARD in Gestalt des MDR und des NDR Elbphilharmonie-Orchesters – an den großen Erfolg anknüpfen würde. Das geschah im vergangenen Juli unter dem unspektakulären Titel „MTV Unplugged 2“, wiederum auf Kampnagel, diesmal in nautischer Anmutung. Die musikalische Leitung lag bei Peter Seifert und Henrik Menzel; als Regisseur des für den Bildschirm optimierten Ereignisses fungierte wiederum Sven Haeusler.

          Das Album selbst kam bereits vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft heraus. Jetzt ist das charmante Konzert als einstündiger Zusammenschnitt zu leicht fortgeschrittener Sendezeit in der ARD zu sehen. „Es muss doch irgendwo ’ne Gegend geben – für so’n richtig verschärftes Leben“, begrüßt uns der Meister gleich mit stimmungsvollem Dö-dö-dö-dö-dööö, bevor er im nächsten Song („Hoch im Norden“) einen weiteren Nasaliernahkampf mit Jan Delay knapp verliert. Die ARD hat zusätzlich – Exklusivmaterial! – eine Begleitdokumentation (Regie ebenfalls Sven Haeusler) drehen lassen, in der Udo Lindenberg auf der Mare Frisium herumschippernd oder im Studio auf seine später im Konzert zu sehenden Duettpartner trifft. Für eine Dokumentation ist das ziemlich wenig Konzept, akzeptabel allenfalls für ein reines Making-of. Um mehr als Bonusmaterial handelt es sich aber auch nicht. Selbst der Bühnendesigner darf hier sagen, dass seine beiden Schiffskulissen, nun ja, Schiffe darstellen.

          „Ein Schiff ist ähnlich wie ’ne Rakete. Nur sind Segel dran.“

          Allein Udos Schlagfertigkeit und sein schnodderiger Humor retten die Doku. Man hält ihm, der eine Weste mit der Aufschrift „Vorsicht Urlauber“ trägt, ein Mikro unter die Nase, und schon sprudeln Sätze für die Ewigkeit aus ihm heraus: „Ein Schiff ist ähnlich wie ’ne Rakete. Nur sind Segel dran.“ In Gesprächen benutzt er Formulierungen wie „Fügung“ oder „Du hörst das Atmen der Instrumente, hörst wie die Seelen schwingen und klingen“. Zumindest ein verschärftes Sprachbewusstsein ist das schon mal. Die aufgekratzten Gäste wirken hingegen wie in einem Überbietungswettbewerb der peinlichsten Lobhudelei: „Für mich ist er einfach unglaublich ‚real‘ in dem, was er macht“ (Gentleman); „Udo ist der Derbste“ (Jan Delay); „Es gibt keine gechilltere Klamotte“ (Maria Furtwängler); „es gibt halt wenige so Leute, so Unikate, wenige so Typen, die auch ihren Mund aufmachen, wenige Leute, die, auch popkulturell gesehen, ihre Fresse aufmachen“ (Marteria).

          Letzterer hat eine fluffig hingerappte Strophe für den immer noch wuchtigen Antikapitalismussong „Bananenrepublik“ von 1985 geschrieben, die so läppisch wirkt („alles hier ist meins von Mama Berlin bis Papa Neuguinea“), dass sich Udo zu einer netten Geste hinreißen lässt: „Das geht ja richtig rein“, sagt er ohne erkennbare Ironie. Auch Andreas Bourani und Gentleman fügen den alten Udo-Songs wenig Aufregendes hinzu, nehmen dem Lindenberg-Pathos eher etwas von seiner Leichtigkeit. Deutlich stärker sind die Duette mit den Stargästen Alice Cooper („No More Mr. Nice Guy“) und Angus & Julia Stone („Durch die schweren Zeiten“). Erstaunlich gut funktioniert das Zusammenspiel mit „Tatort“-Schauspielerin Maria Furtwängler („Bist Du vom KGB?“), die es selbst zu überraschen scheint, wie bezwingend intim sie singen kann: herabgedimmt, cool, sinnlich. Ein Volltreffer.

          Den emotionalen Höhepunkt bildet aber ganz eindeutig der mit großem Kinderchor und rezitierten Grundgesetzpassagen (wer bitte macht sonst so etwas?) inszenierte Titel „Wir ziehen in den Frieden“. Das zielt direkt aufs Herz: „Wir sind schlafende Riesen, aber jetzt steh’n wir auf.“ Schnellschussmoralisten findet man viele unter den Prominenten. Hier aber hält einer seit Jahrzehnten Kurs, weil es ihm wirklich ernst ist. Deshalb wirkt auch nichts an diesen Ansprachen peinlich oder uncool. Ein Abend mit Udo: eine runde Sache für die ganze Familie.

          Udo Lindenberg: Volle Fahrt voraus. Begegnungen auf dem Lindischen Ozean läuft heute, um 22.30 Uhr im Ersten, gefolgt um 23.15 Uhr von dem Konzert Live vom Atlantik.

          Weitere Themen

          „Post von Karlheinz“ als Hörbuch Video-Seite öffnen

          Hörprobe : „Post von Karlheinz“ als Hörbuch

          Die Nachrichten, die die Schauspieler Bjarne Mädel, Cathlen Gawlich und Bernhard Schütz für dieses Hörbuch vorlesen müssen, liegen außerhalb der Vorstellungskraft anständiger Menschen.

          Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Tarantino stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

          Mit Hollywood-Stars besetzt : Tarantino stellt neuen Film vor

          Kult-Regisseur Quentin Tarantino präsentiert seinen neuen Film "Once Upon a Time in Hollywood" beim Filmfestival in Cannes. In den Hauptrollen sind Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie zu sehen. Im deutschsprachigen Raum läuft der Film ab Mitte August in den Kinos.

          Topmeldungen

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.