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Eine Studie belegt: : Im Internet hört fast niemand Radio

  • -Aktualisiert am

Wenn die Länder am Donnerstag die Gebührenpläne von ARD und ZDF absegnen, zahlen wir ab 2007 auch für die Radionutzung im Internet. Obwohl diese Angebote kaum genutzt werden, wie eine Studie nachweist. Sie stammt - von ARD und ZDF.

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          Wer ein Radiogerät besitzt, hört damit Radio, wer ein Fernsehgerät besitzt, schaut damit fern - und muß dafür Rundfunkgebühren bezahlen. Wer einen Computer mit Internetanschluß besitzt, empfängt und verschickt Emails, sucht Informationen und Unterhaltung, erledigt seine Bankgeschäfte, beteiligt sich an Foren, Chats oder Auktionen und kauft gelegentlich in virtuellen Warenhäusern ein. Aufgelistet werden die häufigsten Onlineanwendungen von 37,4 Millionen Deutschen, die regelmäßig das Internet nutzen, in einer Online-Studie von - Ironie der Untersuchung - ARD und ZDF.

          „Kaum sechs Jahre, nachdem die Dotcom-Euphorie an der Börse scheiterte, ist ein neuer Internetboom da,“ lautet das begeisterte Fazit der im Juli veröffentlichten Studie. Für die Radionutzung mögen die von den öffentlich-rechtlichen Anstalten beauftragten Medienforscher diese euphorische Aussage allerdings nicht verstanden wissen: „Lediglich vier Prozent der Internetnutzer, dies entspricht bezogen auf die Gesamtbevölkerung 2,4 Prozent, rufen an jedem Tag Radio-Livestreams ab. Hochgerechnet sind dies 1,21 Millionen Live-Radiohörer.“ Zwar sei ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr unverkennbar, gegenüber Antenne, Kabel und Satellit hat die Radionutzung im Internet aus Sicht der Autoren der Studie jedoch „ein verhältnismäßig kleines Potential.“

          Sogar leicht rückläufig

          Nach den Ergebnissen der aktuellen Media-Analyse Radio 2006/II hören immerhin 50,2 Millionen täglich Radio über die herkömmlichen Empfangswege. Auch die Verweildauer bei Livestreams befindet sich nach den Erkenntnissen der Onlineforscher im Vergleich zum „klassischen“ Radiohören „noch auf relativ bescheidenem Niveau“, zumal sie 2006 im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht zurückging.

          Obwohl in der ARD/ZDF-Onlinestudie einrucksvoll nachgewiesen wird, daß bislang nur eine verschwindende Minderheit der Internetnutzer damit auch Radio hört und Livestreams für Radiosender zur Verbreitung ihrer Programme bislang praktisch keine Rolle spielen, sprachen sich die ARD-Intendanten in der vergangenen Woche für die künftige Erhebung einer Rundfunkgrundgebühr aus. Nach bereits erfolgter Zustimmung durch das ZDF - das zu einem Viertel an den Mehreinnahmen beteiligt werden soll - gilt als sicher, daß die Rundfunkkommission der Länder auf ihrer morgigen Sitzung in Düsseldorf die Gebührenpläne absegnen wird, auch wenn der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen in letzter Minute auszuscheren scheint.

          Neben Internetnutzern sollen ab Januar 2007 auch Besitzer von internetfähigen Handys monatlich 5,52 Euro zahlen. Zur Kasse gebeten werden dann unter anderem Selbständige, Freiberufler und Lehrer, die zu Hause einen Internetcomputer beruflich nutzen, auch wenn sie damit niemals Radio hören. Selbst Hochschulen werden künftig für ihre Internetanschlüsse Gebühren an die GEZ abführen müssen, was die meist ohnehin knappen Etats zusätzlich belastet.

          Intendanten vermeiden jede Diskussion

          Offenbar mit Blick auf die Ergebnisse der selbst in Auftrag gegebenen Studie vermeiden die ARD-Oberen denn auch jegliche Diskussion über die tatsächliche Nutzung ihrer Programmangebote via Internet. Für eine Gebührenpflicht neuartiger Rundfunkempfangsgeräte soll nach Ansicht der Intendanten nur der „Stand der technischen Entwicklung“ maßgebend sein - und nicht etwa Notwendigkeit und Nutzung.

          Obwohl die öffentlich-rechtlichen Anstalten aus den Internetabgaben in den kommenden beiden Jahren nach eigenen Schätzungen lediglich Mehreinnahmen von fünf bis sechs Millionen Euro erwarten können, was angesichts ihrer Milliarden-Etats verschwindend gering ist, sind die Intendanten nicht von dem Plan abzubringen. Aus Sicht der privaten Konkurrenten geht es dabei ohnehin nicht um das Stopfen etwaiger Haushaltslöcher, sondern vielmehr um Grundfragen der Finanzierung künftiger Übertragungswege.

          Schleppende Digitalisierung

          Durch die jetzt anstehende Gebührenentscheidung erwarten vor allem Betreiber privater Radiostationen eine langfristige Verschiebung zu Gunsten der öffentlich-rechtlichen Anstalten innerhalb des dualen Rundfunksystems. Wohl auch deswegen, weil bislang noch kein Radiomacher so genau weiß, auf welcher technischen Plattform die Programme ab 2010 die Hörer erreichen - und welche Kosten damit verbunden sein werden.

          Nach dem Willen der Bundesregierung soll bis zum Ende des Jahrzehnts die UKW-Versorgung durch digitale Verbreitungswege in Deutschland abgelöst werden. Allerdings geht die Digitalisierung in Deutschland bislang schleppend voran. Nach Angaben der Initiative Marketing Digital Radio (IMDR) könnten zwar schon jetzt rund achtzig Prozent der Bürger digitale Programme empfangen, doch mehr als neunzig Prozent hören weiterhin über UKW. Gründe dafür sind die vergleichsweise hohen Preise für Empfänger und Unsicherheiten über die künftigen technischen Standards. Neben DAB werden zurzeit weitere digitale Verbreitungswege wie DVB-T und DVB-H getestet.

          Für Hans-Dieter Hillmoth, Geschäftsführer des hessischen Hitradio FFH und Vorsitzender des Fachbereichs Hörfunk im Privatsenderverband VPRT steht allerdings fest, daß alle Übertragungswege, die jetzt neu hinzukommen, immer teurer werden, die Zahl der Hörer insgesamt jedoch höchstens gleich bleiben wird: „Um den einzelnen Hörer zu erreichen, wird man mehr Geld aufwenden müssen. Die Privaten werden das auf Dauer nicht - oder nur schwer durchhalten können.“

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