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Vergewaltigung als Waffe : Eine Reise durch die Hölle

  • -Aktualisiert am

Unermüdlich: Die Aktivisten Ramadan Alamani (links) und Emad Ergeha recherchieren, wie in Libyen sexuelle Übergriffe systematisch als Waffe eingesetzt wurden. Bild: Arte

Die Reporterin Cécile Allegra begleitet Aktivisten, die den Einsatz von sexueller Gewalt gegen Männer und Frauen in Libyen dokumentieren. Der Schrecken hat System, wie Allegras Film zeigt, der auf Arte läuft.

          Die Vorstellung vom ehrlichen Krieg war immer ein Mythos. Zwar verlangen sowohl die vormodernen Theorien über einen „gerechten Krieg“ als auch das Kriegsvölkerrecht von den Konfliktparteien, sich an gewisse Regeln zu halten, aber martialische Racheeskapaden gab es zu allen Zeiten. Die Massaker im Dreißigjährigen Krieg sind legendär. Frauen als Kriegsbeute hat auch nicht erst der „Islamische Staat“ erfunden.

          Und doch wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten der Schrecken noch größer. Seit die „neuen Kriege“ (Herfried Münkler) vor allem asymmetrische, informelle Bürgerkriege sind, bei denen Warlords und Söldner in ehemaligen Diktaturen um Macht und Reichtum kämpfen, wird systematisch entwürdigende sexuelle Gewalt eingesetzt. Sie dient der Brechung der Persönlichkeit der Opfer. Das strategische Moment daran unterscheidet diese Vergewaltigungen etwa von den (damit nicht weniger schlimmen) Siegerexzessen am Ende des Zweiten Weltkriegs oder von der Zwangsprostitution in nationalsozialistischen Lagerbordellen. Man muss von einer eigenständigen, perfiden Kriegswaffe sprechen, die Jahrzehnte nachwirkt und jede Nachkriegsordnung gefährdet.

          In Bosnien, in Kongo, in Ruanda und auch in Syrien wurden während der Kriege massenhaft Frauen vergewaltigt. Zahlreiche Prozesse und aufrüttelnde Reportagen haben gezeigt, dass dies einem Plan folgte. Doch auch gegen Männer wird gezielt sexuelle Gewalt eingesetzt, wie nun diese harte, aber wichtige Dokumentation von Cécile Allegra zeigt. Die französische Filmemacherin hat sich an der Seite der auf Kriegsverbrechen spezialisierten Juristin Céline Bardet in einen der unübersichtlichsten Konflikte der Gegenwart gewagt: nach Libyen, das nach dem Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi von einem Albtraum in den nächsten geschlittert ist. Auf kaum durchschaubare Weise mit einer der beiden rivalisierenden Regierungen verbündete Milizen terrorisieren in dem gescheiterten nordafrikanischen Staat die Bevölkerung und die von Schleppern versklavten Migranten.

          Die meisten Opfer schweigen

          Allegra und Bardet haben über viele Monate hinweg eine kleine Gruppe von mutigen Aktivisten begleitet, die die täglichen Greuel in Libyen dokumentieren. Das Ziel ist die Erstellung einer Ermittlungsakte, die systematische Misshandlungen und Vergewaltigungen in libyschen (Geheim-)Gefängnissen nachprüfbar belegt. Auf dieser Grundlage, so die Hoffnung, soll der Internationale Strafgerichtshof seine Arbeit aufnehmen. Das Netzwerk operiert teils aus dem benachbarten Tunesien heraus. Doch der ehemalige Staatsanwalt Ramadan und der Aktivist Imed, die im Zentrum des Films stehen, begeben sich unter Lebensgefahr immer wieder nach Libyen selbst, um Folteropfer zu treffen und ihre Erinnerungen zu protokollieren. Sie sichern auch Fotos und Beweisvideos, die oftmals von den Peinigern angefertigt wurden, um ihre Opfer gleichsam öffentlich hinzurichten.

          Was Vergewaltigungen als Methode so attraktiv für die Folterer macht, ist der Umstand, dass sie so wirksam sind wie Morde, aber kaum je ein Täter dafür belangt wird. In einer Gesellschaft, in der alles Sexuelle so stark tabuisiert ist, schweigen die meisten Opfer aus Scham. Ramadan erklärt, dass in Libyen Missbrauch allgemein quittiert werde mit den Worten: „Geschieht ihnen recht.“ Die Aktivisten müssen daher zunächst das Vertrauen ihrer (im Film meist unkenntlich bleibenden) Informanten gewinnen. Und auch dann wagen es nicht alle, über ihr Leid zu sprechen.

          Mit der Zeit sind jedoch Hunderte von Dossiers zusammengekommen, die ein System hinter den Taten belegen. Dabei werden wir mit Aussagen von extremer Brutalität konfrontiert: schwarzafrikanische Migranten, die unter Androhung von Folter regelmäßig gezwungen werden, andere Häftlinge zu vergewaltigen; eine Mutter, die vor den Augen des Sohns missbraucht wird; männliche Gefangene, die stets nackt gefoltert werden; die gewaltsame Einführung von Gegenständen, was häufig zu körperlichen Behinderungen und zur Ansteckung mit Krankheiten führt. Selbst Imed ringt um Worte: Es beschäme ihn, sagt er, zu sehen, zu was seine Landsleute fähig seien.

          Der Ursprung der systematischen Vergewaltigungen, auch das wird deutlich, liegt vor dem Zerfall der Diktatur. Bereits Gaddafis Armee hat sich dieser Waffe gegen (vermeintliche) Rebellen bedient. Diese übernahmen und perfektionierten die Methode. Die am stärksten von Misshandlungen betroffene Gruppe ist die der von schwarzafrikanischen Sklaven abstammenden Tawurga, der ohne jeden Beleg unterstellt werde, einst Gaddafis Schergen unterstützt zu haben. Hier kommt zum Terror noch Rassismus hinzu, was sich gegenwärtig, das Wort fällt nicht unbedacht, zum Genozid auszuwachsen scheine. So gerne man wegschauen würde bei so viel Unmenschlichkeit, die einen bis in die Träume verfolgt, so muss man doch einsehen, dass das lange Wegschauen die Probleme nur vergrößert hat. Ein Flüchtlingsdeal mit diesem Land wäre ein Pakt mit dem Teufel.

          Libyen – Vergewaltigung als Waffe läuft heute um 22.05 Uhr auf Arte.

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