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Eine Reise durch die Blogosphäre : Wer bloggt so spät durch Nacht und Wind?

Bild: Fotolia

Das Bloggen ist ein rastloses Geschäft. Wer es betreibt, betrachtet das Internet als seine Spielwiese, die jedoch blitzschnell zum Kriegsschauplatz werden kann. Warum sie bloggen, wissen selbst die bekanntesten Blogger nicht genau. Manchmal liegt die Antwort tief in der deutschen Provinz.

          Am 7. März um 12.45 Uhr hatte die New Yorker Journalistin Julia Allison genug. „It's me, Julia“ heißt ihr Blog, den sie über Jahre hinweg mit Fotos von sich und ihren Freundinnen, deren Abendgarderobe und viel Bonbonfarbenem gefüllt hatte. Doch wer war dieses Ich, das sie monatelang nach außen gelagert hatte? Sie wusste es selbst nicht mehr. Sie wusste nur, dass es ein Ende haben sollte, dass sie jahrelang ihre Zeit verschwendet hatte. Dass die Medienperson, die sie geschaffen hatte, sie aufgefressen hatte. Einen Tag später schob sie eine eilfertige Erklärung nach: Sie habe etwas überreagiert am Vorabend. Doch sie habe ihren „Spirit“ nicht verloren, dessen sei man versichert, sie komme zurück. Sie brauche Zeit zum Nachdenken.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Zeit zur Besinnung ist eine rare Ressource in dem Geschäft, das Julia Allison sich ausgesucht hat, das jenen unerbittlich mit abnehmendem Interesse bestraft, der das Tempo verringert, und das seine Autoren in einen unabsehbaren Diskussionsstrom hineinzieht: der Blogosphäre.

          Im Reich des gnadenlosen Don

          Der böseste unter den deutschen Bloggern, selbsternannter „Don Gnadenlos“, grüßt am Ingolstädter Bahnhof als eine überraschend freundliche Gestalt, deren Profil an Kurt Beck erinnern würde, wäre da nicht das Stechende und Glänzende in den Augen, das Fehlen jeder Behäbigkeit und die zuvorkommende, von einem leichten bayerischen Zungenschlag gefärbte Art. Während der Fahrt an der langgezogenen Mauer entlang, die das vornehme Ingolstädter Westend von den übrigen Vierteln trennt, nimmt Don Alphonso ohne Stocken die Erzählung auf. Diesseits dieser Mauer wuchs er auf, fühlte sich dabei unbehaglich und schuf deshalb eine Kunstfigur, die er Don Alphonso nannte. Von ihr berichtet sein Blog.

          Gegen Gott und die Welt: Rainer Meyer alias Don Alphonso in kunstvoller Pose

          Don Alphonso ist Blogger. Was nicht wiederholt werden müsste, würde man es nicht beinahe wieder vergessen, wenn man mit ihm in seinem Fiat Barchetta durch die engen Straßen der Ingolstädter Altstadt kurvt, in deren Mitte das alte Jesuitenkolleg liegt, das einmal Zentrum der Gegenreformation war und das im vorvergangenen Jahrhundert in den Besitz von Don Alphonsos Familie überging. Don Alphonso hat hier eine Wohnung bezogen, in der knarzende Dielen, zahllose Spiegel, mit Violinen bekränzte Anrichten, Stukkaturen und Biedermeiervitrinen mit Büchern aus Aufklärung und Renaissance ein dichtes historisches Ensemble bilden, in der kein Fernseher und kein Computer das historische Ambiente stört.

          Das merkwürdig zeitversetzte Gefühl verstärkt sich, als Don Alphonso seinen Gast stilbewusst mit Tee aus versilberten Kannen bewirtet und seine kaum unterbrochene und immer dichter werdende Erzählung fortsetzt. Fernab mondäner Aktualität, berichtet er darin von der erzreaktionären Ingolstädter Gesellschaft, in der jeder seinen festen Platz hat - der Pastor, der Bäcker, die Tante Agnes - und jeder darüber wacht, dass der andere diesen Platz nicht verlässt. Don Alphonso hasst diese Gesellschaft, an deren Rand er steht und die es, so glaubt man, heutzutage doch eigentlich gar nicht mehr gebe. Hat Don Alphonso sie am Ende herbeifiktionalisiert, um seinen Fluchtimpuls ins Virtuelle zu verstärken? Nein, das war nicht nötig, diese Gesellschaftsform gibt es noch. „Das ist Buddenbrooks auf niedrigem bayerischen Niveau“, sagt er und lacht.

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