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Eine Reise durch die Blogosphäre : Wer bloggt so spät durch Nacht und Wind?

Gegen Gott und die Welt

Don Alphonso heißt bürgerlich Rainer Meyer und hat hinter der Benutzeroberfläche ein anderes Gesicht. Auf der Benutzeroberfläche, in seinen Weblogs „Blogbar“ und „Rebellen ohne Markt“, wo er richtet und wütet, sich in Beleidigungen und Abmahnungen verstrickt, hat er sich mit der halben Blogosphäre angelegt und einen entsprechenden Ruf erworben. Don Alphonso treibt ein radikal aufklärerischer Impuls: Contra deum terramque, gegen Gott und die Welt, nennt er sein Motto auf „Rebellen ohne Markt“, und so wettert er, politisch unverrechenbar, gegen die selbstverliebte Berliner Bloggerszene, gegen die Kommerzialisierungsbestrebungen von Bloggern, gegen die vagen Versprechungen und geringen Gehälter, mit denen Zeitungen Blogger für ihre Zwecke einzuspannen versuchen, gegen die Profilierungsversuche der Pleitiers der New Economy, die jetzt ihre Fühler nach neuen Geldquellen ausstrecken, gegen alle Formen von diskreter Allianzbildung in den Medien, gegen die Verluderung der Sitten und die Kritiklosigkeit im Journalismus überhaupt.

Er wettert nicht nur, er weist auch nach und deckt gelegentlich auf, etwa die klammheimliche Art, wie sich das Portal StudiVZ kommerzialisierte. Recherchiert er? In Fällen wie diesen, ja. Er rufe die Medien an, erhalte jedoch oft keine Antwort, so dass er auf eine Vorwarnung inzwischen oft verzichte, sagt er. Und sein Blick wird noch stechender, und seine Hand ballt sich zur Faust, und sein rechter Arm fährt mit einem gewaltigen Streich nach vorn: „Das nächste Mal, Freunde, erwisch ich euch kalt!“

Wer austeilt, muss nicht unbedingt einstecken können

Merkwürdig, wie sehr Don Alphonsos Ton von seiner „realen“ Erscheinung unterscheidet, folgt man im Netz den hitzigen Debatten. Wann ist eine solche Diskussion beendet? Eigentlich nie, sagt Meyer, es kommt immer ein weiterer Kommentar, eine Bewertung, ein Angriff, der nicht unbeantwortet gelassen werden kann. Rainer Meyer lässt sich gern herausfordern. Er hat ein dickes Fell. Er kann austeilen. Einstecken muss er nicht. Davor schützt ihn seiner Theorie zufolge seine Kunstfigur Don Alphonso, der die Beleidigungen gelten und die nichts mit seinem privaten Ich zu tun habe. Wenn er nun aber zu medienpolitischen Fragen Stellung bezieht, welchen Geltungsanspruch hat dann das Urteil einer Kunstfigur? „Darf ich Ihnen eine Tasse Tee einschenken?“, fragt Don Alphonso höflich, wie er es meistens tut, wenn ihm eine Frage nicht behagt. Im Grunde behagt ihm keine Frage, die ihn als Blogger auf den Begriff bringen will. Den Begriff Blogosphäre gebraucht er mit leiser Ironie.

Ist das Bloggen eine Art Sucht, oder könnte er täglich damit aufhören? Nein, das kann er nicht. Immer wieder taucht seine temperamentvolle Stimme in den Blogdiskussionen auf, grollt, attackiert, beschwichtigt. Mit welcher Stimmungslage geht man durch den Tag, wenn man sich erst einmal durch die Diskussionen gebloggt hat? Funktioniert die rasiermesserscharfe Trennung qua Verfremdung, die Meyer zwischen seiner Bloggeridentität und seinem Privatleben zieht, wenn vieles auf seinen Weblogs von seinem realen Privatleben handelt, von seinem Umzug an den Tegernsee, der tatsächlich ansteht, von seinem Faible für versilberte Teekannen und historische Bücher, die sich in seiner Repräsentationswohnung stapeln? Und warum überhaupt bloggt einer wie er, der keinen Fernseher ertragen kann, seinen Laptop in ein Nebenzimmer verbannt und für historische Bücher schwärmt?

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