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Rasputin-Doku bei Arte : Mord am Zarenflüsterer

  • -Aktualisiert am

Grigori Rasputin - Heiliger, Wüstling oder Bauernopfer? Bild: © Public Domain

Die Rasputin-Dokumentation zum 100. Todestag des einflussreichen Zaren-Vertrauten bei Arte verspricht neue Erkenntnisse. Doch die haben leider schon einen ziemlichen Bart.

          3 Min.

          Es liegt schon Ironie darin, dass Wladimir Putin laut „Newsweek“ von den eigenen Mitarbeitern „Zar“ genannt wird, denn zumindest der letzte Zar des Russischen Reiches, Nikolaus II., war das Gegenteil des heutigen Präsidenten: als Herrscher schwach, naiv und ungeschickt, vom Herzen her Familienmensch. Kurz bevor der Zorn der Revolutionäre seine Familie ereilte, hatten sich im Dezember 1916 bereits mächtige Verwandte aufgelehnt, indem sie einen Vertrauten des Zaren niedermachten: Grigori Rasputin, jenen zauselbärtigen Wanderprediger aus den sibirischen Wäldern, der als Wunderheiler dem Zentrum der Macht so nahe gekommen war, dass er zum Sündenbock taugte. Rasputin war eine Erscheinung seiner Zeit, ein Gewährsmann des vermeintlich Urtümlichen und Irrationalen, was in einer transzendental verunsicherten Moderne auf fruchtbaren Boden fiel. Seinen Status am Zarenhof verdankt er in erster Linie dem Umstand, dass er die lebensbedrohlichen Blutungen des einzigen Sohns von Nikolaus II., des designierten Thronfolgers, unter Kontrolle zu bekommen schien. Die Zarin erkannte in ihm aber keinen Arzt neuen Typs, sondern einen Gottgesandten, um den ein regelrechter Kult entstand.

          Im Rückblick erweist sich der bauernschlaue Charismatiker bis hin zu den obskuren Umständen seines Todes als Kristallisationspunkt für Legenden und Vereinnahmungen: eine wunderbare Vorlage für eine Dokumentation, die, anders als kostümklamottige Verfilmungen von Rasputins Leben, die verständlicherweise das Grelle betonen, eine Entmystifizierung nicht fürchten muss, sondern diskurs- und machtanalytisch vorgehen kann. In der Dokumentation der Russland-Kennerin Eva Gerberding geschieht das allerdings nur partiell. Streicheruntermalt macht die rauchige Stimme von Mechthild Großmann gleich raunend deutlich, dass man sich für eine eher reißerische Variante im „Anne Will“-Stil entschieden hat: „Rasputin... Heiliger oder Wüstling?“

          Das Geheimnis des Wunderdoktors taugt allenfalls als Hausmittel

          Durchaus solide wird der Aufstieg Rasputins nacherzählt, wobei sich hübsche Aufnahmen aus Sankt Petersburg mit Archivmaterial, harmlosen Animationen und Historiker-Interviews abwechseln. Die Auskünfte der Experten rekapitulieren aber oft nur in Lexika nachlesbare Fakten. Schräg wirkt die banale Auskunft eines Internisten, es könne einen positiven Effekt auf die Blutstillung haben, wenn sich Patienten entspannten: Hat man damit, wie der Film suggeriert, tatsächlich das Geheimnis des Wunderdoktors entschlüsselt?

          Dass die Ra-Ra-Rasputin-Lesart der Offenbacher Discohasen „Boney M“ – „Lover of the Russian Queen“ – nicht haltbar ist, sondern das Resultat einer gezielten Diskreditierung, kann kaum noch als Entdeckung verkauft werden. Statt nochmaligem Kolportieren einer Jagd auf die „schweißgetränkte Leibwäsche“ des Petersburger Gurus durch hochadlige Damen, statt der erneuten Überakzentuierung von Rasputins prophetischen Warnungen vor dem großen Krieg und dem Ende der Romanow-Dynastie hätte man gern mehr darüber erfahren, welche zentralen politischen Entscheidungen dieser Mann denn nachweisbar beeinflusst hat. Hier bleibt es bei der Andeutung: „Der sibirische Bauer dirigiert jetzt mit im großen Konzert der europäischen Politik.“

          Ableben mit Beteiligung des britischen Geheimdienstes?

          Von den angekündigten neuen Erkenntnissen ist auch im Hinblick auf das Mordkomplott wenig zu bemerken: Die längst als widerlegt geltende blumige Version des Geschehens aus der Feder des zum Romanow-Clan gehörenden Verschwörers Fürst Jussupow wird zunächst üppig bebildert und gar eine „sexuelle Komponente“ insinuiert, bevor die nüchterne Feststellung folgt, alle Hinweise deuteten auf schwere Folter und eine förmliche Exekution. Die Beteiligung des britischen Geheimdienstes – lange schon vermutet und selbst in der viel belächelten Filmvariante mit Gérard Depardieu aus dem Jahre 2011 breitgetreten – hält die Dokumentation für sehr wahrscheinlich: So hätten die Bemühungen Nikolaus II. um einen Separatfrieden mit dem Deutschen Reich torpediert werden sollen. Belege werden nicht präsentiert.

          Dass uns Rasputin so fiktiv vorkommt wie ein Dostojewskij-Protagonist, weil das tradierte Bild seiner Person aus einem Konglomerat interessegeleiteter Narrative hervorgegangen ist, interessiert Eva Gerberding leider nur in Ansätzen. Aber wie ist es mit der eigenen Fragestellung? War er nun Heiliger oder Wüstling? Weder, noch, sagt die Urenkelin Rasputins im Film. Das ist vermutlich richtig, als Essenz einer einstündigen Dokumentation aber ein wenig dünn. Die Tragik einer nicht zum Establishment gehörenden, gelinde größenwahnsinnigen Figur, die zwischen die etablierten Eliten gerät und schließlich zerrieben wird, vermittelt sich so jedenfalls nicht.

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