https://www.faz.net/-gqz-a0ba2

Französische Volksfront : „Der Frexit macht uns keine Angst“

Der französische Schriftsteller und Philosoph Michel Onfray 2006 Bild: Picture-Alliance

Der Philosoph Michel Onfray gründet eine Zeitschrift und will damit die linken und rechten Souveränisten vereinigen. Schuld am Corona-Debakel ist, natürlich, die Unterwerfung unter das Diktat Brüssels.

          3 Min.

          Die erste Ausgabe von „Front Populaire“ soll in den kommenden Tagen erscheinen – im Lockdown hat der Philosoph Michel Onfray eine Zeitschrift gegründet. Die Homepage, ein „Parlament der Ideen“, funktioniert bereits. Wie Jean-Paul Sartres „Les Temps modernes“ soll die „Volksfront“ zum int: Onfray will die linken und rechten Souveränisten vereinigen. Und das klingt so: „Der Frexit macht uns keine Angst (. . .) Die Corona-Krise ist das Ende das Maastricht-Staats.“ Der sei für das französische Debakel verantwortlich. Dafür, dass es keine Masken und zu wenig Medikamente gab.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Maastricht, analysiert der Autor, besiegele das Ende der französischen Nation, weil Frankreich sich Brüssel unterworfen habe. Die Kluft zwischen Volk und Elite gehe auf die Abstimmung über eine europäische Verfassung vor fünfzehn Jahren zurück – die Franzosen sagten nein, an der Europa-Politik habe sich nichts geändert.

          Einig sind sich die Souveränisten in der Ablehnung des Liberalismus, der nach dem Niedergang von Kommunismus und Gaullismus eine historische Chance zu bekommen schien. Diese Entwicklung ist mit der antitotalitären Ideologiekritik und der Aufarbeitung der Vergangenheit verknüpft. Die Souveränisten hielten an ihrem Deutschland-Bild fest, befürworten den Protektionismus und einen starken Staat, der die Wirtschaft lenkt. Das Corona-Debakel, argumentieren sie, gebe ihnen recht. Vereint sind sie auch im Bekenntnis zur weltlichen und unteilbaren Republik, deren „Restauration“ auf Onfrays Programm steht.

          Kampfansage an die „tyrannischen Minderheiten“

          Das ist eine Kampfansage an die „tyrannischen Minderheiten“ und ein Bekenntnis zur Nation. „Le Monde“ nannte den Philosophen einen „Guru der Rechtsextremisten“ und sein Projekt eine „Allianz der Roten und Braunen“ – der unverbesserlichen Extremisten, die sich der antitotalitären Ideologiekritik und Aufarbeitung des französischen Faschismus verweigerten. Onfray antwortete mit dem Hinweis auf die Vichy-Vergangenheit des „Monde“-Begründers Hubert Beuve-Méry und die hymnischen Artikel auf Pol Pot und die Roten Khmer.

          Der linkslibertäre Michel Onfray muss keine maoistische Vergangenheit bewältigen. Er geißelt die permanente Beschimpfung der Populisten als „braune Pest“ und setzt darauf, dass die antitotalitäre Dynamik verpufft. Doch das Fehlen jeglicher Berührungsängste gegenüber den Rechtsextremisten und sein Hass auf Macron, den er als „Gummipuppe des Kapitals“ vorführt, irritieren.

          Marine Le Pen wie Alain de Benoist, der Theoretiker der Neuen Rechten, begeistern sich für seine Volksfront der Populisten. Linksradikale Autoren werden für die Zeitschrift schreiben. Als Aushängeschild präsentiert Onfray den Virologen Didier Raoult, den in Marseille Fußballfans, Taxifahrer und Angestellte der Müllabfuhr als neuen Volkshelden feiern. Raoult ist der Star des französischen Populismus. Der Streit um das von ihm propagierte Chloroquin wurde von beiden Seiten als Religionskrieg geführt. Sein Widerstand gegen Paris wird verglichen mit dem de Gaulles gegen Pétain. Wie Onfray verehrt er Nietzsche. Céline hält er trotz dessen Antisemitismus für den größten Dichter. Raoults Frau und Kinder sind Juden. Nach den Attentaten auf „Charlie Hebdo“ gehörte er zu den wenigen, die sich über das Ausblenden des Anschlags auf den jüdischen Supermarkt empörten.

          Auch der einundachtzigjährige Souveränist Jean-Pierre Chevènement und der einundsiebzigjährige Philippe de Villiers, Minister unter Chirac, schließen sich der „Volksfront“ an. Mehrmals war Chevènement aus Mitterrands Regierung zurückgetreten: Anlässlich der Abkehr vom Sozialismus und 1991 als Verteidigungsminister aus Protest gegen die Teilnahme Frankreichs am Golfkrieg gegen Saddam Hussein, den die frisch bekehrten antitotalitären Intellektuellen zum ersten „Wiedergänger Hitlers“ hochstilisierten. De Villiers wie Chevènement galten in ihren politischen Familien als Hinterwäldler.

          Doch Macron buhlt um beide: 2002 habe er Chevènement gewählt, und de Villiers ließ er bei der Wiedereröffnung seines historischen Freizeitparks „Puy du Fou“ eine Vorzugsbehandlung angedeihen. Gegen Marine Le Pen fühlte er sich siegessicher. Doch ein populistischer Kandidat könnte den „Coup“, der ihm 2017 gelang, wiederholen – das Links-rechts-Schema aushebeln und das Elysée erobern. Vor den Intellektuellen haben die Gelbwesten die Volksfront der Populisten auf der Straße geprobt – mit Gewalt und einer Prise Antisemitismus. Ihr gemeinsamer Hass auf Macron erinnert immer mehr an den Hass der französischen Bourgeoisie auf die Volksfront des sozialistischen Juden Léon Blum, dem sie Hitler vorzog.

          Weitere Themen

          Im Exil

          Neuer Roman von Monika Maron : Im Exil

          Monika Marons Buch „Artur Lanz“ sehnt sich im postheroischen Zeitalter wieder nach echten Helden und lässt viel Dampf ab.

          Wen laust der Affe?

          „Do not feed the Monkeys“ : Wen laust der Affe?

          Im Videospiel „Do not feed the Monkeys“ überwacht der Spieler Orte, Personen und Wesen und muss sich einen Reim auf die jeweiligen Aktivitäten machen. Das ist nicht immer einfach, wird aber zusehends besser.

          Topmeldungen

           Eine Mitarbeiterin des Instituts für Infektiologie Emilio Ribas zeigt den Impfstoff gegen SARS-CoV-2 des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac.

          „Versehen“ des RKI : Das Wumms-Papier aus der Berliner Corona-Zentrale

          Impfung im Herbst – das Schicksal meint es wirklich gut mit den Deutschen, so musste man das neue Positionspapier des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Strategie deuten. Bis der Traum ganz schnell zerplatzte.

          Wieder Proteste : Belarus trotzt der Polizeigewalt

          In den vergangenen Nächten ließ Lukaschenka Proteste gegen seinen angeblichen Wahlsieg brutal niedergeschlagen, dennoch gehen auch am Mittwoch wieder Tausende auf die Straße. Nun gibt es ein zweites Todesopfer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.