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„Eine Klasse für sich“ im Ersten : Nachsitzen auf Kölsch

  • -Aktualisiert am

Plötzlich wieder Nachsitzen: Fabian Sorge (Hans Löw) hat wieder eigene Ansichten zum Unterricht, Hellen (Johanna Gastdorf) mahnt zur Disziplin. Bild: WDR

Das kommt dabei heraus, wenn die ARD die „Feuerzangenbowle“ wieder auflegt: „Eine Klasse für sich“ funktioniert zumindest als Beziehungsdrama.

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          Bildung gilt heute als Rohstoff. Doch was lässt sich daraus eigentlich herstellen? Ansehen? Geld? Eine Karriere? Vom eigenen Sohn (Victor Diderich) entnervt nach dem Zweck des Lernens gefragt, fällt Lehrer Fabian Sorge (Hans Löw) bloß eine Floskel ein: „Damit du was aus dir machst.“ Mit Erich Kästners Moralist Fabian, der überqualifiziert und gelangweilt einer sinnlosen Arbeit nachgeht, hat der Protagonist trotz eines überdeutlichen Hinweises (Name der Schule) nur gemein, dass beide ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden haben. Im Privatleben zwar ebenfalls erfolglos, ist der ganz und gar nicht abgeklärte Kölner Fabian von seiner pädagogischen Aufgabe nämlich überzeugt. Zu nerven, begreift er als Teil seines Jobs: „Wenn wir alle Kumpels wären, dann würdet ihr gar nichts lernen.“ Auch die Direktorin weiß: „Sie sind ein guter Lehrer.“

          Formal weist Lehrer Sorges Qualifikation dennoch einen Makel auf. Er ist seinerzeit in Schwerin durchs Abitur gerasselt und hat sich sein Studium mittels plumper Zeugnisfälschung erschlichen. Das fliegt auf, weil der Verbeamtungsantrag ausgerechnet von einem ehemaligen Mitschüler Fabians (Christian Hockenbrinck) geprüft wird. Dass er diesen Ronald Pumm in alter Verbundenheit Pummel nennt, ist nicht nur nette „Feuerzangenbowle“-Reminiszenz (Lehrer Bömmel), sondern schon der Anlauf zum fünffachen Rittberger zurück auf die Schulbank. Nicht einmal unrealistisch scheint es, dass sich die Schulbehörde in NRW angesichts des Lehrermangels auf halbseidene Deals einlässt, in diesem Fall auf das Nachreichen des Abiturzeugnisses, sofern der patente Schulversager die Prüfung innerhalb eines Jahres an einem Kolleg für Erwachsenenbildung – man hat als Schauplatz das schicke Kölner Institut français requiriert – nachholt.

          Schnell ein flapsiger Wohlfühlfilm

          Die bis dahin ganz aparte Erzählung von Sebastian Orlac verfällt allerdings schnell zum flapsigen Wohlfühlfilm, dessen Personal eher den Rollencharakteren im Hänneschen-Theater ähnelt als Menschen aus Fleisch und Blut. Zum einen sind da vier Mitschüler, die nach handelsüblichen Nickeligkeiten mit Fabian zu einem alle Schwierigkeiten meisternden Team zusammenwachsen („Jeder von uns hat ein Fach, in dem er besonders gut ist“), die mathematisch begabte, von ihrer Familie zurückgesetzte Kurdin Bingül (Yeliz Simsek), das mittelhelle, aber Goethe-begeisterte Klofräulein Hellen (Johanna Gastdorf), der mordssympathische, bildungstechnisch aber nicht einmal in die Kreisliga aufgestiegene Ex-FC-Köln-Stammspieler Yusuf (Sami Nasser) und, um in der Puppentheater-Analogie zu bleiben, ein Bärbelchen für unseren Sorgenkasper. Die selbstbewusste und chaotische Cora (Alwara Höfels) befreit den gehemmten Helden flugs von seinem Ossi-Trauma (als habe die ARD gleich zwei Themen abräumen wollen: Zukunft Bildung und dreißig Jahre Mauerfall).

          Zum anderen gibt es eine von Regisseurin Christine Hartmann knallbunt inszenierte, inhaltlich kaum über „Bibi & Tina“ hinauskommende Nebenhandlung um den Investor Hambach (Peer Martiny), einen herzlosen Immobiliensammler, der zufällig auch die Schule abwickelt, in der unsere fünf Freunde nachsitzen. Und der noch zufällig der Vater von Cora ist. Die schmuggelt ihre neue Clique in dessen Villa, wo man dem Bonzen Zwanzigtausend-Euro-Weine wegschlürft. Das alles ist so idiotisch, dass die Schauspieler vergeblich dagegen anspielen. Im Vergleich zu der Plumpheit, mit der das Thema Vermögen versus Armut thematisiert wird, wirken die Reflexionen über Bildung und Chancen geradezu tiefsinnig. Wir werden zu der Einsicht geführt, dass ein jeder nur lernt, „um immer wieder den richtigen Weg (für sich) zu finden“: Bildung als Lebenselixier, nicht als Mittel zum Zweck.

          Hervorragend funktioniert der Film als Beziehungsdrama, und das hat damit zu tun, dass trotz des kölnisch übersteigerten Settings die Hauptfigur überzeugt. Hans Löw verleiht dem von Unsicherheit und stiller Wut geprägten, zugleich höchst sensiblen Lehrer stimmige Konturen. So entschädigt die dann doch zaghaft bleibende Beziehung zwischen Fabian und Cora, vor allem aber die zwischen ihm und seinem Sohn für einige der Klischeestränge und Dialogschwächen. Ist da anfangs etwas Verzweifeltes in der Art, wie der Vater um die Aufmerksamkeit des Juniors ringt, kommen die beiden sich als ungleiche Abiturienten – und eben doch als Kumpels – wieder näher, ohne dass es kitschig würde. Dass diese Reifeprüfung wichtiger ist als formale Bildung, bleibt der bestimmende Eindruck dieser „Pädamödie“. Mit Erich Kästner: „Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.“

          Eine Klasse für sich, an diesem Mittwochabend um 20.15 Uhr, ARD

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