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Fernsehfilm „Eine gute Mutter“ : Wer keine Liebe erfährt, ist sich selbst der Nächste

  • -Aktualisiert am

Die Kinder bleiben im Hintergrund: Mona (Petra Schmidt-Schaller) hat mit sich selbst zu tun. Bild: NDR/Marion von der Mehden

Vordergründig ist „Eine gute Mutter“ mit Petra Schmidt-Schaller ein Thriller. Aber vor allem sehen wir hier einen sensiblen Film über Mutterliebe und ihre Abwesenheit.

          Als 2015 die israelische Soziologin Orna Donath die Studie „Regretting Motherhood“ („Wenn Mütter bereuen“) veröffentlichte, stieß ihr Befund eine Debatte an: Frauen, die ihren Entschluss, Kinder zu bekommen und aufzuziehen, anhaltend bedauern und das Mutterglück in Frage stellen? Ein Tabubruch. Dabei hatte Elisabeth Badinter schon 1980 in ihrem Buch „Mutterliebe“ den Mythos des Mutterinstinkts als gesellschaftliches Konstrukt und Diskursgegenstand der Neuzeit folgenreich beschrieben. Badinter negiert den Instinkt und beschreibt das wandelbare Muttergefühl. Nicht zuletzt Sigmund Freud sei für das Missverständnis der neuzeitlichen Mutterrolle verantwortlich.

          Naturgegeben, so Freud, seien der weibliche Masochismus, die unendliche Leidensfähigkeit der Frau und die Auflösung der Person als Mutter. Der Zündstoff von „Regretting Motherhood“ provozierte eine Flut von Nachfolgetiteln, darunter „Die Mutterglücklüge. Warum ich lieber Vater geworden wäre“, „Die falsche Wahl“ oder „Wenn Mutter sein nicht glücklich macht“. Den Autorinnen wiederum wurden allesamt Larmoyanz, Selbsthass und Unverantwortlichkeit vorgeworfen. Die Debatte köchelt auf kleiner Flamme weiter, davon zeugen Blogs wie „Die Rabenmutti“.

          In einem halbverlassenen Ostseebad

          Mona Doermer (Petra Schmidt-Schaller) hat von solchen Blogs und Büchern wohl nie etwas gehört. Die alleinerziehende Mutter ohne Arbeit und Geld wurde vom Jugendamt als ungeeignet eingestuft, ihre beiden Kinder zu erziehen. Spitzname „Matratze“ mit vierzehn, schwanger mit fünfzehn, die Kinder als Kuscheltierersatz. Bevor sie abgeholt werden sollen, verschwindet Mona mit ihnen in ein halbverlassenes Ostseebad und hinterlässt eine Videobotschaft mit dem Plan des erweiterten Suizids. Mona ist psychisch höchst labil. Wahrscheinlich Borderline-Störung. Sie trinkt, sie stiefelt im Prostituiertenlook herum in einem Röckchen mit Wolkendruck kaum breiter als ein Gürtel, dramatischem Make-up und grellorangenen Fingernägeln – als wäre ihre körperliche Erscheinung ein einziges Verkaufsargument. „Eine gute Mutter“ sei sie, schwört sie fortwährend, betont, insbesondere auf die Ernährung ihrer Kinder höchsten Wert zu legen – und mischt ihnen abends zerstoßene Schlaftabletten in die Milch.

          Petra Schmidt-Schaller, von der man kürzlich noch dachte, nun sei es erst einmal genug mit der dauernden Bildschirmpräsenz, gibt als Mona eine verstörend intensive Vorstellung. Sie verbindet eigene emotionale Bedürftigkeit und überbordende Mutterliebe sowie Rotz und Trotz gegenüber Autoritäten und Hilfsangeboten. Ihr Vernachlässigungspotential zeigt sich in einer schnellen Nummer mit dem Schausteller Ronny (Gerdy Zink), den sie erst Minuten zuvor kennengelernt hat. Als sie aber später nackt und frierend, gerade aus dem Meer gerettet, auf Kleidung wartet, erzählt ihr fraulicher, schutzloser Körper die Geschichte des ungewollten Kindes, das sie war. Eine, die früh Sex mit Nähe verwechselte. Jenny Elvers hat einen denkwürdigen Auftritt als Mutter von Mona, die ihr Kind verstoßen hat, als es so frühreif wurde wie sie selbst einst. Aufgetakelt, hart, gefühllos.

          Vordergründig ist „Eine gute Mutter“ (Regie Claudia Garde) ein Thriller um ein verschwundenes Kind. Im Buch von Christian Jeltsch geht es aber auch und vor allem im übertragenen Sinn um verstörende Kindheiten und die Spiegelung zweier Frauenleben. Neben Schmidt-Schaller spielt Mina Tander die Polizistin Greta Burmeester, die nach der verschwundenen Marlen (Lisa Marie Trense) sucht. Ob die Sechsjährige einfach so aus dem Hotel des merkwürdigen Benno Haferkamp (Axel Milberg) spazierte? Ihr älterer Bruder Danny (Juri Winkler), gewohnt, die kleine Familie abzuschotten, scheint verstört. Gretas Sympathien liegen bei dem Kind, bis sie sich der Mutter annähert. Der Film führt auch die Polizistin in den Mutterkonflikt. Soll sie aus dem düstergrauen Meereskaff nach Berlin gehen, um der langweiligen Berufsroutine zu entgehen, und Dauerfreund Ole (Lucas Prisor) zurücklassen? Die gerade festgestellte Schwangerschaft kommt zur Unzeit.

          „Eine gute Mutter“ ist nicht bloß ein Debattenbeitrag in Spielfilmlänge, sondern ein sensibler Film über Mutterliebe und ihre Abwesenheit. Er richtet nicht. Garde lässt stattdessen am Meer Verlassenheit bildhaft reflektieren (Kamera Philip Peschlow). Judy Winter als halbverrückte Mutter von Greta, die sich für die Reinkarnation einer Wikingerfrau hält und übers Meer mit dem Boot Eingang nach Walhall sucht, fügt den Mutter-Tochter-Dramen eine ungewöhnliche Note hinzu.

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