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TV-Doku „Europas Neue Rechte“ : Ritter des Kokolores

  • -Aktualisiert am

Kein Karneval: Manuel Gogos (links) trifft die Sängerin Marianne und Joël Labruyère, Chef des französischen patriotischen Bandprojekts „Les Brigandes“. Bild: © Jakob Kneser

Identitär verrannt und mit seltsamen Masken vorm Gesicht: Arte zeigt eine erhellende Dokumentation über die Neue Rechte in Europa. Dabei gelingt dem Reporter ein echter Scoop.

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          Nicht nur religiöse Eiferer, auch radikale Nationalisten halten die Vermischung von Traditionen für den Sündenfall. Worauf stützen die smarten, internetaffinen Neurechten in Europa ihre Ansichten? Der deutsch-griechische Allroundjournalist Manuel Gogos wollte das herausfinden und hat sich mit dem Regisseur Jakob Kneser auf eine Reise durch Deutschland, Österreich und Frankreich begeben, um die Anführer neurechter Strömungen wie der „Identitären Bewegung“ in Gespräche über ihre Thesen, Ziele und Methoden zu verwickeln. So ist erstaunliches Material zusammengekommen, das frappierend deutlich zeigt, wie wenig diese gern als rechtsintellektuell überhöhten Reinheitsfanatiker in Sachen Identitätsdiskurs anzubieten haben. Sie flüchten in die immer gleichen Phrasen vom angeblich drohenden „großen Austausch“ und verwickeln sich rasant in Selbstwidersprüche. Das kann man nicht wirkungsvoller demonstrieren, als es Gogos tut, der stets freundlich bleibt, aber punktgenau nachfragt.

          Von Pegida-Demonstranten erwartet man nicht viel mehr als „Abschieben“-Gegröle. Aber auch der „Volks-Rapper“ Dissziplin oder der identitäre Architekturstudent Robert Timm haben anscheinend vor allem Angst davor, Kulturfremde könnten ihnen ihre Stadt stehlen. Auf der Pegida-Veranstaltung trifft das Filmteam den Publizisten Götz Kubitschek, „Mentorenfigur der Identitären Bewegung“ genannt, der sich auf der Bühne allerdings darin gefällt, den renommierten Journalisten Michael Jürgs als „Fresse der linksliberalen BRD“ und „dicklichen Nichtsnutz“ zu diffamieren, weil Jürgs angeblich den kleinen Mann verachte. Nicht eben Heidegger-Niveau.

          Anhänger der Identitären Bewegung bei einer Pegida-Demonstration in Dresden.
          Anhänger der Identitären Bewegung bei einer Pegida-Demonstration in Dresden. : Bild: © Jakob Kneser

          Als Mysto-Romantiker residiert Kubitschek stilecht auf einem museal eingerichteten Rittergut in Sachsen-Anhalt – hält er das für die Lebensform des kleinen Mannes? Dort schwadroniert er von Deutschland als etwas Schwingendem, das man „an sehr heimeligen, geheimen, hintergründigen Orten“ erfahren könne. Damit meint er offenbar seinen geschwungenen Gewölbekeller, in dem sich allerdings Einwanderer aus Südamerika breitgemacht haben: Kartoffeln, Kubitscheks Leidenschaft. Fast verliebt spricht er vom Bamberger Hörnchen, besitzt jedoch eine ganze Reihe alter Sorten. „Da hat jede ihre eigene Identität?“, fragt Gogos gewitzt. Jede wisse, dass sie nicht die andere sei, antwortet Kubitschek humorfrei. Sie liegen aber doch arg friedlich nebeneinander, die Knollen, unterstützen jedenfalls nicht Kubitscheks Aufruf zur „Verteidigung des Abendlands“, wozu es eine „richtige Revolte“ brauche. Unsere Zeiten seien schließlich „nicht mit einem Ponyhof zu vergleichen“. Das Rittergut sieht aber schon sehr nach Ponyhof aus.

          Gogos’ Ausflug nach Österreich bringt wenig Neues außer Stammtischparolen. Schließlich aber begibt er sich nach Frankreich, dem Geburtsland der „Identitären“. Hier trifft er auf den nächsten „Vordenker“, den Ex-Schwulenaktivisten Renaud Camus, der heute auch für den Front National vordenkt und in einem richtigen Schloss lebt. Es scheint sich zu lohnen, völkische Phrasen zu prägen: Der „große Austausch“ stammt von Camus und meint schlicht die komplette Volks- und Kulturauswechslung, denn die Migranten seien nichts anderes als rüde Kolonisatoren, während die Kolonialgeschichte Frankreichs weitgehend friedlich verlaufen sei.

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          Als wäre das alles nicht schon ruinös genug, landet Gogos noch einen echten Coup. Er nimmt Kontakt auf zu der stets obskur maskierten Frauenband „Les Brigandes“, die die Hymne vom großen Austausch singt, und wird des Nachts in ein abgelegenes Haus geführt. Hier sitzt er der Leadsängerin gegenüber, die davon spricht, dass Flüchtlinge massenhaft in Frankreich herumlungerten, „ohne irgendetwas zu tun, außer den Frauen nachzusteigen“.

          Es lungert aber derweil jemand ganz anderes im Raum herum, ein alter Mann in besonders alberner Maske: Joël Labruyère, das geistige Oberhaupt dieser sektenartigen Gemeinschaft, der von höheren Mächten und einer satanisch-amerikanischen Weltverschwörung faselt. Dafür wird er von den Damen angehimmelt. Es ist wohl etwas dran an der Analyse des Soziologen Armin Nassehi, dass das Operieren mit „den alten Identitätschiffren“ vor allem eine Flucht ist, „ein feiges Zurückweichen vor den eigentlichen Problemen dieser Welt“. Die neurechten Bewegungen, zeigt der Film, gerieren sich als Antwort auf den Islamismus, bilden aber in Wahrheit sein Pendant: Beide sind Feinde der offenen Gesellschaft.

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