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Hitler als Feldherr : Der Gefreite aus Braunau

  • -Aktualisiert am

Adolf Hitler, ein unerschrockener Stratege? Eher nicht. Bild: ADA/Arte France

Eine Dokumentation dekonstruiert Adolf Hitlers Talent als Militärstratege – an das freilich nur er selbst glaubte. Diese offene Tür rennt Arte immerhin mit Schmackes ein.

          „Kapitulation? Nö! Nö! Mir bleibt doch Blondie.“ Dass Adolf Hitler zur Witzfigur gemacht wird wie in Walter Moers‘ „Bonker“-Video, wo der zu Lebzeiten als „Größter Feldherr aller Zeiten“ verehrte (und bald als „Gröfaz“ verulkte) „Führer“ als „Adolf, die Nazi-Sau“ firmiert, erklärt sich wohl als Abwehrzauber. Unendlich viel wurde in der Forschung zu Hitlers Charisma und Wahn geschrieben. Joachim Fest sprach von purer Energie ohne visionäre Kraft, Ian Kershaw von einer leeren Hülse. Volker Ullrich sieht in Hitler einen Schauspieler, der sich als Agitator nur inszenierte, Wolfram Pyta erkennt ein selbsternanntes Genie der Tat. Militärische Genialität schrieb dem Diktator niemand zu.

          So verwundert es, dass die erste Episode einer Arte-Geschichtsreihe, die „bis dato gemeinhin angenommene Vorstellungen“ hinterfragen will, ausgerechnet die Annahme, Hitler sei ein strategisches Genie gewesen, als verbreitet unterstellt. Einer französischen Produktion mag man es aber nachsehen, wenn sie offene Türen einrennt. Und der Film von Christiane Ratiney beantwortet die Feldherrenfrage schließlich so negativ, wie es zu erwarten war. Man gewinnt den Eindruck, dass Walter Moers‘ Charakterzeichnung eines bis zuletzt uneinsichtigen, hochmütigen und realitätsblinden Mannes, der nur noch seiner Schäferhündin Blondie vertraute und von Wunderwaffen träumte, ziemlich richtig lag.

          Das Kriegsglück der Deutschen

          Ratiney erzählt verlässlich den Verlauf des Zweiten Weltkriegs von 1940 an nach. Es beginnt mit dem deutschen Westfeldzug, der zur Einkesselung der alliierten Truppen in Flandern führte. Dieser Triumph ging auf den Sichelschnittplan General Erich von Mansteins zurück: Ablenkung in den Benelux-Ländern und Hauptangriff durch die mit Panzern kaum passierbaren Ardennen. Übergangen wird ein wichtiger Zufall: Manstein kam nur zum Zug, weil der ursprüngliche Angriffsplan aufgeflogen war. Eine erstaunliche Fehlleistung der Alliierten erwähnt der Film: Der französische Generalstab ignorierte Aufnahmen der Luftaufklärung, die den Vormarsch in den Ardennen zeigten. Das Kriegsglück der Deutschen war also wahrlich Glück.

          In der anschließenden schnellen Niederwerfung Frankreichs wurde Hitlers Feldherren-Ruf geboren. Den Manstein zu verdankenden „Blitzkrieg“-Ruhm reklamierte er für sich allein. Von da an aber, so zeigt es Ratiney, jagten die kapitalen strategischen Fehler einander, zumal der „Führer“ viele Entscheidungen nun gegen die Militärs traf. Der Angriff auf die Sowjetunion fraß sich nach frühen Erfolgen nicht zuletzt deshalb fest, weil Hitler den schnellen Durchstoß nach Moskau stoppte. Die Ukraine war ihm wichtiger. Sein Plan, Leningrad (erfolglos) zu belagern, band zweihunderttausend Soldaten. In den Schlachten um Moskau, Stalingrad und Kursk versank, wie bekannt, die deutsche Wehrmacht. Hitler gab dem Wetter und den Generälen die Schuld. Sich dann noch mit den Vereinigten Staaten von Amerika anzulegen, zeugt nicht von Genialität: „Der Führer hat keine Vorstellung von den Kräften, die er gegen sich freigesetzt hat.“ Der Versuch einer Wiederholung des Blitzsiegs in den Ardennen, Hitlers Privatoffensive vom Dezember 1944, wirkt nur noch verzweifelt.

          Womit die Dokumentation punkten kann, ist die gute Zusammenstellung der Archivbilder. Den „Wochenschau“-Schlachtenszenen stehen viele Aufnahmen gegenüber, die Hitler ohne „Führer“-Nimbus zeigen. Und wenn General Helmuth Weidling, letzter Kampfkommandant von Berlin, nach seiner Gefangennahme durch die Rote Armee über die letzten Tage des Diktators sagt „Er war menschlich fertig“, dann hat das in seiner Saloppheit etwas Augenöffnendes: Der „Gröfaz“ hatte in den Augen seiner Untertanen alles Ikonische verloren. Immer wieder eindrücklich ist auch das (hier leicht falsch untertitelte) Tonprotokoll vom 4. Juni 1942, in dem ein inoffiziell plaudernder Hitler im Gespräch mit Feldmarschall Mannerheim ein einziges Mal zugibt, die Russen unterschätzt zu haben: „Wir wussten das selber auch nicht so ganz genau, wie ungeheuerlich dieser Staat gerüstet war.“

          Alles summiert sich zu dem ruinösen Fazit: „Der Amateurstratege aus Braunau entpuppte sich als Dilettant und riss sein Land in den Abgrund.“ Das klingt nach erfolgreicher Dekonstruktion einer (ohnehin nur noch in finstersten Ecken geglaubten) Legende. Die entscheidende Frage aber bleibt offen: Wäre Adolf Hitler ein besserer Stratege oder bescheidener gegenüber der eigenen Generalität gewesen, hätte sich Deutschland erreichbare militärische Ziele gesteckt (grob gesprochen: ohne sich die UdSSR und die Vereinigten Staaten zum Gegner zu machen), hätte dann der Nationalsozialismus, in dessen Herzkammer unauslöschlich der Antisemitismus loderte, Europa und auch das eigene Land nicht noch weiter in den Abgrund gerissen? War die Selbstüberschätzung des „Führers“ nur Fluch oder ein Segen, weil sie das Ende beschleunigte? Eine Dokumentation, die mehr sein wollte als ein brauchbarer Schnellkurs zum Verlauf des Zweiten Weltkriegs, streitbar gar, hätte hier eine These gewagt.

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