https://www.faz.net/-gqz-a5cnf

„Was wir wollten“ bei Netflix : Eine andere Art der Reifeprüfung

  • -Aktualisiert am

Es geht nur gemeinsam: Alice (Lavinia Wilson) und Niklas (Elyas M’Barek) müssen sich überlegen, wie sie mit ihrem Kinderwunsch umgehen. Bild: Netflix

Nachwuchssorgen: Ulrike Koflers „Was wir wollten“, mit Elyas M’Barek und Lavinia Wilson, zeigt den Umgang eines Paares mit seinem unerfüllten Kinderwunsch.

          3 Min.

          Der deutschsprachige Raum gewinnt bei Netflix an Profil. Nach dem Erfolg der ORF-Serie „Freud“, in der der berühmteste Psychoanalytiker der Welt als junger Mann eine kriminelle Verschwörung aufdeckt, hat der Streamingdienst drei neue Produktionen aus Österreich angekündigt. Als erste erscheint nun „Was wir wollten“ von Ulrike Kofler. Die Innsbruckerin gibt damit als Regisseurin ihr Kinodebüt, allerdings ausschließlich in Österreich. So war es jedenfalls geplant, bevor die Lichtspielhäuser im Zuge der Pandemieprävention Anfang November schließen mussten. Ob der Film es auf die Leinwand schafft, bevor er Ende Dezember auch in Österreich gestreamt werden kann, ist offen, in jedem Fall hat er sich durch die geplante Kinoauswertung schon als österreichischer Oscar-Kandidat qualifiziert.

          Auf Grundlage einer Kurzgeschichte des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm hat Kofler das Beziehungsporträt eines Paares geschaffen, das unter dem Druck des unerfüllten Kinderwunsches zu zerbrechen droht. Schon zum vierten Mal sitzen Alice (Lavinia Wilson) und Niklas (Elyas M’Barek), beide um die vierzig, zu Beginn des Films mit steinernen Mienen vor dem Bildschirm eines Ultraschallgeräts. Die gute Nachricht: Der befruchtete Embryo hat sich perfekt eingenistet. Die schlechte: Da ist kein Herzschlag mehr. Wenigstens ist ein spontaner Abort zu erwarten, keine Ausschabung diesmal. Wie viel Schmerz in einer solch trocken formulierten Diagnose steckt, welche Traumata zurückkehren und alle Vorstellungen von einer gerade noch realistisch geglaubten Zukunft zunichtemachen, das kann ein Film in seinen ersten Minuten kaum vermitteln. Doch Lavinia Wilson lässt es zumindest erahnen, mit ihrem aufgesetzt stoischen Blick, der Art, wie sie sich nach der Untersuchung anzieht, den Vorhang der Umkleide zur Seite zieht und die Rechnungsangelegenheit klärt. Abends hackt sie auf die Erde in großen Blumentöpfen ein, will unbedingt die bunten Blüten am Leben halten, die wie Fremdkörper auf der Terrasse des grauen Vorstadthauses wirken, das gerade noch fertig gebaut wird.

          Zu oft dahingesagt: „Seid froh, dass ihr keine Kinder habt“

          Auf Rat der Ärztin beschließen die beiden, sich eine „Pause“ zu gönnen, und reisen nach Sardinien. Und tatsächlich scheint sich Entspannung einzustellen, man spürt, was diese zwei verbindet, vielleicht sogar genug. Doch dann zieht nebenan eine Tiroler Familie ein, laut und bunt mit junger Mutter (Anna Unterberger), lustigem Vater (Lukas Spisser) und niedlichen Kindern. Aus dem Weg gehen kann man sich hier nicht, schon am ersten Morgen stibitzt die kleine Tochter einen Bissen von Alices Croissant und geht der „traurigen Frau“ schließlich so lange auf den Geist, bis diese sie ins Herz schließen muss. Die Paare hangeln sich von Smalltalk über eine Klettertour bis zum gemeinsamen Grillabend, mal wieder hören Alice und Niklas Variationen des Satzes „Seid froh, dass ihr keine Kinder habt“, und mal wieder versuchen beide das für sich tatsächlich in den Bereich des Möglichen zu ziehen, um dann auf ganz unterschiedliche Art daran zu scheitern.

          Ulrike Kofler hat in ihrer gut 20 Jahre langen Filmkarriere bisher vor allem als Cutterin gearbeitet („Wilde Maus“, „Der Boden unter den Füßen“), und das merkt man dem Film an. Zwar ist schwer zu beurteilen, was schon so im Drehbuch stand und was am Schneidetisch entstanden ist, an dem diesmal Marie Kreutzer saß, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat. Doch das Ergebnis ist ein Film, der seine Macht durch die Montage entfaltet, unerwartete Bilder über Off-Dialoge legt, aussichtslose Gespräche abrupt abschneidet und im Collage-Stil fragmentierte Gefühlswelten sichtbar macht. Lavinia Wilson erreicht viel mit sehr wenig, und auch Elyas M’Barek füllt die Rolle des Partners gekonnt aus. Der deutsch-österreichische Schauspieler kam auf eigenes Drängen zur Produktion, nachdem der ursprüngliche Hauptdarsteller ein halbes Jahr vor Drehbeginn ausstieg. Ein Glücksgriff, denn vom Image des „Fack ju Göhte“-Klamauk-Darstellers kann er wieder ein weiteres Stück abschütteln. Auch seine länderübergreifende Popularität dürfte für Netflix’ Entscheidung, den Film ins Programm zu nehmen, nicht unerheblich gewesen sein. Nur gegen Ende gerät der Film etwas sehr moralisch. Das wird dem filmischen, sorgsam auf die Ambivalenz der Situation achtenden und unbedingt sehenswerten Weg dorthin nicht ganz gerecht.

          Was wir wollten ist bei Netflix abrufbar.

          Weitere Themen

          Mit Lyrik in die Welt getreten

          Wer ist Amanda Gorman? : Mit Lyrik in die Welt getreten

          Eine Klasse für sich: Warum der Auftritt der amerikanischen Dichterin Amanda Gorman bei der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten in Washington die Welt bewegt.

          Die große Feier

          Joe Bidens Inaugurationsfest : Die große Feier

          Statt des großen Balls wurde nach der Inauguration des neuen amerikanischen Präsidenten im Fernsehen gefeiert. Moderator Tom Hanks trug Fäustlinge und fror. Es war eine Selbstfeier der besonderen Art. Aber war Joe Biden eigentlich dabei?

          Topmeldungen

          Das Verlegeschiff „Audacia“ des Offshore-Dienstleisters Allseas im Jahr 2019, als es in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 verlegt hat.

          EU-Parlament fordert Abbruch : Weder Sanktionen noch Gift

          Ist es ein Zeichen von Souveränität, dass Deutschland an Nord Stream 2 festhält? Der Kreml könnte das als Beleg für alternativlose Abhängigkeit ansehen.

          Wer ist Amanda Gorman? : Mit Lyrik in die Welt getreten

          Eine Klasse für sich: Warum der Auftritt der amerikanischen Dichterin Amanda Gorman bei der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten in Washington die Welt bewegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.