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Ein Talkstar in Russland : Das Lächeln von Python Puu

  • -Aktualisiert am

Er hat den klassischen Werdegang des russischen Intellektuellen umgekehrt: Dmitri Bykow wurde vom loyalen Konservativen zum Kritiker der Macht Bild: IMAGO

Der Journalist und Talkstar Dmitri Bykow erklärt die aktuelle Lage Russlands und die Politik Putins mit literarischer Eleganz. Seine Urteile sind hart, sein Humor aber ist ungebrochen.

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          Unter der zaristischen Zensur konnte die russische Gesellschaft mangels öffentlicher Debatten tagespolitische Probleme in der Sprache von Literatur und Poesie erörtern. Von ödem Infotainment ruhiggestellt und von all den Blogger-Scharfschüssen ermattet, ist die Öffentlichkeit heute wieder in dieser Sprache erreichbar. Den Beweis liefert der Moskauer Schriftsteller und Journalist Dmitri Bykow, der, nachdem er sich durch Erzählwerke sowie Künstlerbiographien von Pasternak und Gorki einen Namen gemacht hatte, eine Institution wurde, weil er für die „Nowaja gaseta“ Leitartikel und Kolumnen mit Reim und Versmaß schreibt und satirische „Newsicals“ verfasst, welche die Kremlpolitik im tänzerischen Duktus eines Puschkin oder Jewtuschenko durch den Kakao ziehen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dem Duma- und Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Winter und Frühjahr widmete Bykow parodistische Balladen über Putin, der die eigene Unpopularität nicht fassen kann und erschrickt, wenn Tandem-Partner Medwedjew eigene Überzeugungen hat. Zu seinem größten Erfolg wurden die Kabarettveranstaltungen namens „Bürger Dichter“ (Graschdanin poet), wobei Bykows Kompagnon, der Schauspieler Michail Jefremow, Bykows Texte als mimische Kabinettstücke zelebriert, während der Autor selbst, im Toga-Laken, mit güldenem Lorbeerkranz auf den Locken, seine Körperfülle, eine Popcorn-Tüte im Arm, auf einem Sofa ausbreitet. „Bürger Dichter“ ist ein Hit auf Youtube, im Radio „Echo Moskwy“ und in Konzertsälen.

          Völlige Abwesenheit von Aggressivität und Gift

          Bykow, der sanguinische Gemütsmensch, hat den klassischen Werdegang eines Intellektuellen umgekehrt und ist vom loyal Konservativen allmählich zum Kritiker der Macht geworden. Wobei er immer freundlich und gelassen bleibt. Als der Wiederwahlkämpfer Putin im Winter die Bürgerprotestbewegung mit der „Affenbande“ aus dem „Dschungelbuch“ verglich, antwortete Bykow mit einer lustigen Dichtung vom „Frischen Urwaldgesetz“. Darin tritt statt der Schlange Kaa der Python Puu auf, der - als Anspielung auf Putins Gesichtskorrektur und seinen Witz über die weißen Schleifen der Opposition - wie ein mit Botox angefülltes Präservativ aussieht, aber von allen Dschungeltieren angehimmelt werden will. Der Spitzname Python Puu ist an Putin haftengeblieben. Putins Appell an die vorige Duma, das „Boot“ dürfe auf keinen Fall zum „Schaukeln“ gebracht werden, inspirierte Bykow zu der Demo-Plakataufschrift: „Schaukelt nicht das Boot! Unserer Ratte wird schlecht!“ Darunter sah man ein drollig gezeichnetes Nagetier, das sich übergibt.

          Was Bykow für seine von Hass zerrissene Heimat zur Kostbarkeit macht, ist die völlige Abwesenheit von Aggressivität und Gift. Er will vor allem Mensch bleiben, ist frei von Machtgelüsten. Bezeichnenderweise war Bykow praktisch der Einzige, der, wenn Premierminister Putin Kulturträger zum Gespräch bat, die Einladung ausschlug. Herrscher seien wie Finanziers im Grunde tragische Gestalten, glaubt er. Sie hätten Probleme mit der Liebe, seien von der Welt ausgestoßen und rächten sich dafür an ihr durch die Anhäufung politischer und finanzieller Ressourcen. Bykow identifiziert sich lieber mit den rundgesichtigen „Hamstern“, wie die betriebsame, aber machtlose Internet-Gemeinde spöttisch genannt wird. Als „Bürger Dichter“ pries er in einem Lied sarkastisch die neuen Repressalien gegen sie.

          Eine „Pussy“ als Kulturministerin

          Die Prozess-Farce um die Punkerinnen von „Pussy Riot“ kommentiert Bykow mit einer Mischung aus väterlicher Sorge, mütterlichem Humor und einem Blick für historische Gesetzmäßigkeiten. Die Haftbedingungen der drei jungen Frauen ähnelten der Folter, erfährt man in seiner Kolumne im „Sobesednik“. Zwei von ihnen sind Mütter, ihnen wird die Zusammenkunft mit ihren Kindern mit dem Argument verboten, das Gefängnis könne die Kleinen ängstigen. Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch würden wohl die ganze Härte der Repressionsmaschine erfahren, glaubt Bykow und ist zugleich sicher, dass sie sich nicht brechen lassen. Der Fall „Pussy Riot“ flöße einem Depressionen ein, aber zugleich auch das Gegengift Tapferkeit, bekennt Bykow. Er prophezeit, die heutigen Häretikerinnen würden morgen oder spätestens übermorgen zu Heiligen werden und eine „Pussy“ ganz bestimmt Kulturministerin.

          Durch den Zynismus der Akteure der Macht würden ihre Angreifer nur stärker, meint Bykow: Hier ist er bei einem Protestmarsch in Moskau im Mai

          Vorerst jedoch werden die Schrauben weiter angezogen. Die Duma will in aller Eile ein neues Gesetz verabschieden, das nichtkommerzielle Organisationen, die Geld aus nichtrussischen Quellen bekommen, als „ausländische Agenten“ abqualifizieren soll. Zugleich trat ein Gesetz in Kraft, das es Staatsfunktionären verbietet, im Ausland Immobilien und Konten zu besitzen, und von ihnen sogar verlangt, sich von vorhandenen zu trennen. Hörer des Radiosenders „Kommersant“, wo Dmitri Bykow die Talksendung „Nachrichten klassisch“ (Nowosti w klassike) bestreitet und aktuelle Themen mit Hilfe von „ewigen“ Werken der Wortkunst deutet, baten ihn per SMS, beide Gesetze zu kommentieren.

          Eine Frage von Image und Stil

          Das jetzt wieder neu erzählte Märchen von den überall lauernden Spionen sei der Sowjetzivilisation entlehnt, erklärte Bykow. Es solle vor allem davon ablenken, dass Russlands Probleme hausgemacht seien und seine Führung nicht willens oder in der Lage sei, sie anzugehen. Dass aber Staatsvertreter keinen Besitz im Ausland haben dürften, sei nur Teil des derzeitigen Isolationismus. Tatsächlich fänden Beamte immer Wege, ihr Eigentum zu verschleiern. Bykow erinnert an den sowjetischen Spionageklassiker „Siebzehn Augenblicke des Frühlings“, wo die gesamte Nazi-Elite nur Zigaretten aus dem Feindesland Amerika raucht, trotz strengster Verbote. Propagandistische Tabus, lehrt Bykow, seien vor allem eine Frage von Image und Stil.

          Die tückische Kunst der Maskenspiele mache die Leute aber auch fatalistisch, stellt Bykow fest. Die meisten Mitbürger hätten das Gefühl, von ihnen hänge nichts ab, die gegen sie arbeitende Macht stehe unverrückbar fest; sie zeigten psychische Stresssymptome wie der in den feindlichen Kaukasus verbannte Petschorin, Lermontows „Held unserer Zeit“, urteilt Moskaus Dichter-Citoyen.

          Das gelte allerdings auch für die Repräsentanten der Macht, bemerkt Bykow. Ihn beeindruckte, dass Präsident Putins gebetsmühlenartig vorgetragene Prognosen über Russlands Emanzipation von der Rohstoffwirtschaft, wie jüngst auf dem Petersburger Wirtschaftsforum, fast ebenso absurd und gespenstisch klingen wie die Begründung für die Haftverlängerung, welche die Richterin von „Pussy Riot“ verlas. Wenn aber selbst die Akteure der Macht ihre Rollen so zynisch und müde verkörpern wie erschöpfte Schauspieler, wird jeder, den sie angreifen, dadurch nur stärker, weiß der Zögling von Puschkin und Kipling.

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