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Ein Talkstar in Russland : Das Lächeln von Python Puu

  • -Aktualisiert am
Er hat den klassischen Werdegang des russischen Intellektuellen umgekehrt: Dmitri Bykow wurde vom loyalen Konservativen zum Kritiker der Macht
          4 Min.

          Unter der zaristischen Zensur konnte die russische Gesellschaft mangels öffentlicher Debatten tagespolitische Probleme in der Sprache von Literatur und Poesie erörtern. Von ödem Infotainment ruhiggestellt und von all den Blogger-Scharfschüssen ermattet, ist die Öffentlichkeit heute wieder in dieser Sprache erreichbar. Den Beweis liefert der Moskauer Schriftsteller und Journalist Dmitri Bykow, der, nachdem er sich durch Erzählwerke sowie Künstlerbiographien von Pasternak und Gorki einen Namen gemacht hatte, eine Institution wurde, weil er für die „Nowaja gaseta“ Leitartikel und Kolumnen mit Reim und Versmaß schreibt und satirische „Newsicals“ verfasst, welche die Kremlpolitik im tänzerischen Duktus eines Puschkin oder Jewtuschenko durch den Kakao ziehen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Dem Duma- und Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Winter und Frühjahr widmete Bykow parodistische Balladen über Putin, der die eigene Unpopularität nicht fassen kann und erschrickt, wenn Tandem-Partner Medwedjew eigene Überzeugungen hat. Zu seinem größten Erfolg wurden die Kabarettveranstaltungen namens „Bürger Dichter“ (Graschdanin poet), wobei Bykows Kompagnon, der Schauspieler Michail Jefremow, Bykows Texte als mimische Kabinettstücke zelebriert, während der Autor selbst, im Toga-Laken, mit güldenem Lorbeerkranz auf den Locken, seine Körperfülle, eine Popcorn-Tüte im Arm, auf einem Sofa ausbreitet. „Bürger Dichter“ ist ein Hit auf Youtube, im Radio „Echo Moskwy“ und in Konzertsälen.

          Völlige Abwesenheit von Aggressivität und Gift

          Bykow, der sanguinische Gemütsmensch, hat den klassischen Werdegang eines Intellektuellen umgekehrt und ist vom loyal Konservativen allmählich zum Kritiker der Macht geworden. Wobei er immer freundlich und gelassen bleibt. Als der Wiederwahlkämpfer Putin im Winter die Bürgerprotestbewegung mit der „Affenbande“ aus dem „Dschungelbuch“ verglich, antwortete Bykow mit einer lustigen Dichtung vom „Frischen Urwaldgesetz“. Darin tritt statt der Schlange Kaa der Python Puu auf, der - als Anspielung auf Putins Gesichtskorrektur und seinen Witz über die weißen Schleifen der Opposition - wie ein mit Botox angefülltes Präservativ aussieht, aber von allen Dschungeltieren angehimmelt werden will. Der Spitzname Python Puu ist an Putin haftengeblieben. Putins Appell an die vorige Duma, das „Boot“ dürfe auf keinen Fall zum „Schaukeln“ gebracht werden, inspirierte Bykow zu der Demo-Plakataufschrift: „Schaukelt nicht das Boot! Unserer Ratte wird schlecht!“ Darunter sah man ein drollig gezeichnetes Nagetier, das sich übergibt.

          Was Bykow für seine von Hass zerrissene Heimat zur Kostbarkeit macht, ist die völlige Abwesenheit von Aggressivität und Gift. Er will vor allem Mensch bleiben, ist frei von Machtgelüsten. Bezeichnenderweise war Bykow praktisch der Einzige, der, wenn Premierminister Putin Kulturträger zum Gespräch bat, die Einladung ausschlug. Herrscher seien wie Finanziers im Grunde tragische Gestalten, glaubt er. Sie hätten Probleme mit der Liebe, seien von der Welt ausgestoßen und rächten sich dafür an ihr durch die Anhäufung politischer und finanzieller Ressourcen. Bykow identifiziert sich lieber mit den rundgesichtigen „Hamstern“, wie die betriebsame, aber machtlose Internet-Gemeinde spöttisch genannt wird. Als „Bürger Dichter“ pries er in einem Lied sarkastisch die neuen Repressalien gegen sie.

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