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Ein Talkstar in Russland : Das Lächeln von Python Puu

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Eine „Pussy“ als Kulturministerin

Die Prozess-Farce um die Punkerinnen von „Pussy Riot“ kommentiert Bykow mit einer Mischung aus väterlicher Sorge, mütterlichem Humor und einem Blick für historische Gesetzmäßigkeiten. Die Haftbedingungen der drei jungen Frauen ähnelten der Folter, erfährt man in seiner Kolumne im „Sobesednik“. Zwei von ihnen sind Mütter, ihnen wird die Zusammenkunft mit ihren Kindern mit dem Argument verboten, das Gefängnis könne die Kleinen ängstigen. Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch würden wohl die ganze Härte der Repressionsmaschine erfahren, glaubt Bykow und ist zugleich sicher, dass sie sich nicht brechen lassen. Der Fall „Pussy Riot“ flöße einem Depressionen ein, aber zugleich auch das Gegengift Tapferkeit, bekennt Bykow. Er prophezeit, die heutigen Häretikerinnen würden morgen oder spätestens übermorgen zu Heiligen werden und eine „Pussy“ ganz bestimmt Kulturministerin.

Durch den Zynismus der Akteure der Macht würden ihre Angreifer nur stärker, meint Bykow: Hier ist er bei einem Protestmarsch in Moskau im Mai

Vorerst jedoch werden die Schrauben weiter angezogen. Die Duma will in aller Eile ein neues Gesetz verabschieden, das nichtkommerzielle Organisationen, die Geld aus nichtrussischen Quellen bekommen, als „ausländische Agenten“ abqualifizieren soll. Zugleich trat ein Gesetz in Kraft, das es Staatsfunktionären verbietet, im Ausland Immobilien und Konten zu besitzen, und von ihnen sogar verlangt, sich von vorhandenen zu trennen. Hörer des Radiosenders „Kommersant“, wo Dmitri Bykow die Talksendung „Nachrichten klassisch“ (Nowosti w klassike) bestreitet und aktuelle Themen mit Hilfe von „ewigen“ Werken der Wortkunst deutet, baten ihn per SMS, beide Gesetze zu kommentieren.

Eine Frage von Image und Stil

Das jetzt wieder neu erzählte Märchen von den überall lauernden Spionen sei der Sowjetzivilisation entlehnt, erklärte Bykow. Es solle vor allem davon ablenken, dass Russlands Probleme hausgemacht seien und seine Führung nicht willens oder in der Lage sei, sie anzugehen. Dass aber Staatsvertreter keinen Besitz im Ausland haben dürften, sei nur Teil des derzeitigen Isolationismus. Tatsächlich fänden Beamte immer Wege, ihr Eigentum zu verschleiern. Bykow erinnert an den sowjetischen Spionageklassiker „Siebzehn Augenblicke des Frühlings“, wo die gesamte Nazi-Elite nur Zigaretten aus dem Feindesland Amerika raucht, trotz strengster Verbote. Propagandistische Tabus, lehrt Bykow, seien vor allem eine Frage von Image und Stil.

Die tückische Kunst der Maskenspiele mache die Leute aber auch fatalistisch, stellt Bykow fest. Die meisten Mitbürger hätten das Gefühl, von ihnen hänge nichts ab, die gegen sie arbeitende Macht stehe unverrückbar fest; sie zeigten psychische Stresssymptome wie der in den feindlichen Kaukasus verbannte Petschorin, Lermontows „Held unserer Zeit“, urteilt Moskaus Dichter-Citoyen.

Das gelte allerdings auch für die Repräsentanten der Macht, bemerkt Bykow. Ihn beeindruckte, dass Präsident Putins gebetsmühlenartig vorgetragene Prognosen über Russlands Emanzipation von der Rohstoffwirtschaft, wie jüngst auf dem Petersburger Wirtschaftsforum, fast ebenso absurd und gespenstisch klingen wie die Begründung für die Haftverlängerung, welche die Richterin von „Pussy Riot“ verlas. Wenn aber selbst die Akteure der Macht ihre Rollen so zynisch und müde verkörpern wie erschöpfte Schauspieler, wird jeder, den sie angreifen, dadurch nur stärker, weiß der Zögling von Puschkin und Kipling.

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