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Blut und Spiele : Ein Tag im russischen Staatsfernsehen

Bild: Screenshot F.A.Z.

Sind alle Ukrainer Faschisten? Bin ich in Putins Kopf? Ein Selbstversuch zeigt, wie das russische Fernsehen dem Schreckensszenario zuvorkommt, dass der Zuschauer die Schreckensszenarien nicht mehr erträgt.

          Ohne es selbst sofort zu bemerken, bin ich plötzlich im Kopf von Wladimir Putin. Denn dorthin führt ein Tag fernsehen, wenn man russische Staatssender schaut. Doch statt Putins Gedanken sehe ich zuerst nur den unfrisierten Kopf einer jungen Kandidatin der Vorher-nachher-Sendung „Modnij Prigowor“ auf dem Ersten staatlichen Sender „Pjerwij Kanal“. „Je schlechter es dir geht, desto besser musst du aussehen“, sagt der Moderator zu der jungen Frau, die in Scheidung lebt und mit Hilfe der Sendung ihr Leben verändern will. Die Psychologin der Show im kurzen, genieteten Blazer erklärt der verlassenen Unfrisierten, wie es sich anfühlt, verlassen zu werden. Dann verwandeln Modeexperten die Kandidatin in eine Venus, und alle im Studio heulen vor Glück.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Da der neue kastanienfarbene Bob der Verlassenen aber in Putins Kopf kaum eine Rolle zu spielen scheint, schalte ich zum Nachrichtensender „Rossija 24“. Dort spricht die deutsche Politikerin Heike Hänsel (Die Linke) über Kiewer Faschisten. Etwas später erklärt Gregor Gysi russischen Journalisten, dass der Westen noch nichts begriffen habe und sich zu der Ukrainekrise unbedingt anders verhalten müsse. Darauf folgt der nächste Beitrag zur Ukraine. Diesmal sind es verwackelte Handyaufnahmen aus dem Osten, die „erneute Schießereien von bezahlten Söldnern auf unbewaffnete Menschen“ beweisen sollen. Schüsse, Blut, zuckende Verletzte, unvorstellbare Gewalt, und immer wieder sagt der Nachrichtensprecher „Kiewer Regierung“, das klingt nicht ganz so denunziatorisch wie die Wortbildung „Kiewer Junta“, die meistens die Menschen in Tarnanzügen in der Ostukraine benutzen. Dennoch ist „Kiewer Regierung“ falsch, denn die Regierung ist nicht die Regierung Kiews, sondern die der ganzen Ukraine. Und dass es die ganze Ukraine noch gibt, wird mit der Bezeichnung einfach geleugnet. Die Sprache der Nachrichten ist die Sprache Putins, und sie ist sauber zerlegt. Ein ordentlicher Kopf, dieser Kopf Wladimir Putins.

          Tieftrauriger Gesang am Rednerpult

          Am Mittag erzählen auf „RTR“, einem anderen Staatssender, Menschen in Kitteln, die so aussehen, wie Menschen aussehen, wenn sie sich als Ärzte verkleiden, von der Fünf-Löffel-Diät. Man dürfe alles essen, aber von allem nur fünf Löffel und das alle drei Stunden. Eine Probandin hat in drei Wochen zwei Kilo verloren. Effektiv ist das nicht, denke ich und schalte wieder zum Nachrichtensender. Auf „Rossija 24“ geht es jetzt um das Gas, dass die Ukraine noch nicht bezahlt hat. Der Beitrag erinnert an eine Lösegeldforderung: Ukraine, wenn Sie nicht innerhalb von drei Wochen 1,66 Milliarden Dollar überweisen, ist ab Juni alles aus. Und dann kommen wieder verwackelte Handyaufnahmen. „Ausländische Scharfschützen schießen auf unbewaffnete Menschen“, sagt der Offsprecher, und als Beweis wird eine Zigarettenschachtel mit englischsprachigem Smoking-kills-Aufkleber gezeigt, die angeblich am Tatort gefunden worden ist. Und auf einmal bemerke ich, dass ich kurz nach dem Beitrag die eigentliche Nachricht nicht mehr erinnere. Wo wurde noch einmal geschossen? Wann? Und wie viele Tote oder Verletzte gab es dort überhaupt? In meinem Kopf bleiben nur die schrecklichen Bilder irgendeiner Handykamera.

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