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Ein Radio für Geiseln : Die Stimmen der Entführten

  • -Aktualisiert am

Trost den Geiseln und Entführten: Herbin Hoyos sendet auf „Las voces del secuestro” Bild: Fabio Cuttica/Contrasto

Ein Radioprogramm in Kolumbien möchte sich selbst überflüssig machen. Es sendet tröstliche Botschaften für all jene Kolumbianer, die sich als Geiseln in der Gewalt von Guerillagruppen oder Erpresserbanden befinden. Es muss wohl noch lange weitersenden.

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          Nicht nur die Sendezeit ist ungewöhnlich, noch seltsamer ist der Zweck des Radioprogramms. Es will sich selbst abschaffen und eines Tages überflüssig werden. Es will Quote null erzielen und keinen einzigen Zuhörer mehr haben. Noch sind es regelmäßig in der Nacht von Samstag auf Sonntag zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens sechs Stunden live, unterbrochen lediglich von Nachrichtenblöcken mit etwas Eigenpropaganda für den Radiosender, ansonsten aber ohne kommerzielle Werbung. Die Botschaften, die in dieser Zeit ausgestrahlt werden, sind eindringlich und voller Emotionen. Immer wieder ist von Liebe, Treue, Trost, Geduld, Beharrlichkeit die Rede. Von Resignation nie.

          „Die Stimmen der Entführung“, Las voces del secuestro, ist eine Sendung mit einer festen Zielgruppe. Es sind all jene Kolumbianer, mutmaßlich Tausende, die sich als Geiseln in der Gewalt von illegalen bewaffneten Gruppierungen, links- wie rechtsgerichteten, oder auch nur gemeine Erpresserbanden befinden. Mitwirkende sind die Familienangehörigen, die den Opfern Mut zusprechen, ihnen Neuigkeiten aus dem Familienalltag berichten und sie vor allem in der Hoffnung bestärken, dass sie eines Tages freikommen werden.

          Eine tröstliche Botschaft

          Das Programm des größten kolumbianischen Rundfunksenders „Radio Caracol“ gibt es seit 14 Jahren. Erfunden hat es der Radiojournalist Herbin Hoyos Medina. Er war selbst Entführungsopfer, 1994 hat ihn ein Kommando der Guerrilla-Organisation „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) im Funkstudio gekidnappt. Der damals schon populäre Rundfunkreporter sollte erpresst werden, eine subversive Nachricht über den Äther zu verbreiten. Doch dazu kam es nicht. Nach 17 Tagen befreite ihn das Militär, vier Guerrilleros starben, die übrigen, die ihn festgehalten hatten, flohen in den Urwald.

          In einem unscheinbaren Büro, etwas abseits vom Gebäude des Funkhauses in Bogotá, bereitet Herbin Hoyos die nächste Sendung vor. Sie soll vom nationalen Hauptquartier der Polizei ausgestrahlt werden und sich vor allem den Polizisten und Militärs widmen, die sich in der Gewalt der Farc befinden. Wie kam der Radiomann dazu, nur für entführte Personen eine Sendung zu gestalten? Als er selbst gekidnappt wurde, musste er, begleitet von vier Guerrilleros, drei Tage lang durch den Urwald laufen. Im ersten Guerrilla-Camp sah er einen Mann, der an einen Baum gefesselt war und einen Radioempfänger in der Hand hielt. „Ich bin entführt worden und nun schon zwei Jahre hier“, sagte der Mann. Als Hoyos erzählte, er sei Radioreporter, fragte sein Mitgefangener: „Warum tut ihr Journalisten nie etwas für uns Geiseln?“ Da sei ihm die Idee zu der Sendung gekommen, erzählt Hoyos.

          Die zweite Geburt des Freigelassenen

          Das Programm wird sorgfältig geplant und redaktionell gestaltet. „Bei einem neuen Entführungsfall befragen wir Familienangehörige, damit sie berichten, wie und wo es dazu kam“, erläutert Hoyos. „Wir versuchen offenzulegen, wer die an der Geiselnahme Beteiligten sind, geben Namen von Entführern bekannt, denunzieren kriminelle Gangs. Ich habe auch schon Banden von Polizisten angezeigt, die Entführungen begangen haben.“ Frühere Geiseln, wie die sechs von den Farc Anfang des Jahres Freigelassenen, die eigentlich für einen Austausch gegen gefangene Guerrilleros vorgesehen waren, oder Entführte, denen es gelungen ist, ihren Bewachern zu entkommen, sind in dem Programm der lebende Beweis dafür, dass es eine Hoffnung auf Freiheit gibt.

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