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Krimi-Hörspiel : Ein Polizist allein zu Haus

  • -Aktualisiert am

Nicht ungefährlich: Eine Homezone, aus der es kein Entrinnen gibt, ist der beste Dünger für dumme Gedanken. Bild: dpa

Die Corona-Verwertungsmaschine läuft: Im Krimi-Hörspiel „Der Home-Officer“ grummelt sich ein mies gelaunter Ordnungshüter durch eine Privatermittlung – von den eigenen vier Wänden aus.

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          Identifikation ist in der Kunst nicht alles, aber ohne Identifikation ist in der Kunst alles nichts. Das weiß auch Hermann Bohlen, der ein fünfteiliges Krimi-Hörspiel geschrieben hat, welches in dieser Woche bei Deutschlandfunk Kultur läuft. Der Protagonist ist ein bärbeißiger Murrkopf, dessen „signature sound“ ein in den Tiefen der Kehle produziertes und mit Vollblutvibrato herausgegurgeltes Grummelgeräusch darstellt. Er beherrscht die Kunst des perfekt plazierten Seufzers genauso formvollendet wie die Gabe, allein über das Stimmkolorit restlos angekotzt zu erscheinen. Sein Beruf: Polizist. Sein Problem: ein totes Familienmitglied.

          Warum sollten sich all die unterschiedlichen Hörer in dieser Figur wiedererkennen? Weil Brenneke (Heiko Pinkowski), so heißt unser Antiheld, unter Stubenarrest gestellt wurde. Wer systemrelevanten Dingen nachgeht, jeden Tag das Haus verlässt, um sich im Kontor, Krankenhaus, Kiosk oder Kindergarten besser nicht anhusten zu lassen, wird gewisse Identifikationsprobleme mit dem von Judith Lorentz inszenierten „Home-Officer“ haben. Wer in den vergangenen Wochen hingegen die eigenen vier Wände als ungastlichen Knast kennenlernen durfte, könnte sich dieser Figur verbunden fühlen. Betonung auf „könnte“.

          Wo soll das alles enden?

          Dass der Sender behauptet, „aktuelle Themen wie häusliche Isolation und mobiles Arbeiten“ stünden im Mittelpunkt des Hörspiels, dürfen wir als plattfüßigen Anbiederungsversuch verstehen, denn tatsächlich geht es um einen Junkie, eine Leiche und ein Suspendierungsverfahren. Außerdem hat sich Brenneke viel zu gut im Griff. Wir wissen ja längst, dass eine Homezone, aus der es kein Entrinnen gibt, der beste Dünger für dumme Gedanken ist. Man halte sich nur vor Augen, was die Bewohner des Big-Brother-Containers wegdebattieren, oder wie nonchalant Alf das Wohnzimmer der Tanners verwüstet und deren Küche in die Luft jagt.

          Im Übrigen kommen wir angesichts des Corona-Verwertungswahns nicht um ein Ärzte-Zitat herum: „Wo soll das alles enden? Wir machen uns doch Sorgen!“ Corona-Dokus, Corona-Bücher, Corona-T-Shirts – the sky is, wie der Engländer sagt, the limit. Es klingt onkelhaft, ist aber nicht von der Hand zu weisen: Sobald sich künstlerische Äußerungen der Aktualität verpflichten, sind sie oft nichts weiter als Mittel zum Zweck. Statt ästhetischer Entfaltung herrscht dann didaktische Einfalt. Freiheit ist in der Kunst nicht alles, aber ohne Freiheit ist in der Kunst alles nichts.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

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