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„Swan Song“ bei AppleTV : Ein Mann steht neben sich

Haben viel gemeinsam: Cameron (Mahershala Ali) begegnet zum ersten Mal seinem Duplikat. Bild: AppleTV

In „Swan Song“ spielt Mahershala Ali einen todkranken Vater, der sein Leben an einen Doppelgänger abgibt. Ein großer Film voller Feinheit, mit einer der schönsten Kennenlernszenen der jüngeren Filmgeschichte.

          4 Min.

          Können wir uns selbst berühren – so wie wir andere Menschen berühren? Nein. Auf konventionellem Wege bleibt es, egal auf welche Weise, bei der Gleichzeitigkeit des Gefühls von Berühren und Berührtwerden. In einer der eindrücklichsten, des an solchen Szenen nicht armen Films „Swan Song“ des Regisseurs Benjamin Cleary sehen wir Mahershala Ali als Cameron Turner, genauer seine Hand. Sie nimmt eine andere Hand, erst zögerlich, dann fester, drückt und hält sie. Ergreifend ist dieser Moment, weil es seine eigene Hand ist, die Cameron nimmt; das heißt, die einer genauen Kopie – bis aufs letzte Molekül.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Cameron Turner ist einer jener Menschen, die ihre Wollmütze nicht bis über die Ohren ziehen, und er ist unheilbar krank. Er lebt in einer nicht allzu weit entfernt wirkenden Zukunft, die neben kessen Kaffeeautomaten und Augmented-Reality-Smartphones in Form von Kontaktlinsen und Ohrsteckern die Möglichkeit mit sich bringt, einen Menschen zu duplizieren.

          An einem magischen Ort, einem Hochtechnologie-Tempel an einem kalten See inmitten einer kanadischen Einsamkeits- und Einschüchterungslandschaft nahe Vancouver, blickt Cameron auf die Vertraulichkeitsvereinbarung mit „Arra Labs“. Das ist das Unternehmen, dem er nun seine endgültige Genehmigung erteilen soll. Dr. Scott, gespielt von einer undurchschaubaren Glenn Close, die ihre Rolle gleichzeitig mit der zurückhaltenden Sanftheit und dem eisigen Nachdruck eines göttlichen Wesens versieht, das über Leben und Tod entscheidet, erklärt ihm, noch könne er jederzeit aussteigen.

          „Wir wissen, wie du dich fühlst.“

          Ob „er“, sein Duplikat, nicht ebenso krank werden könne, will Cameron wissen. Nein, man habe diese Krankheit aus seinen Genen entfernt. Und wenn er sich nun doch noch umentscheiden würde, „was geschieht dann mit ihm?“ „Dann geht er schlafen und merkt rein gar nichts“, sagt Dr. Scott, die als gottgleiche Medizinerin stets auf leisen Sohlen durch ihre abgeschlossene Welt streift wie eine Raubkatze und etwas unendlich Anmaßendes hat, das sich am deutlichsten zeigt, als sie sagt: „Wir wissen, wie du dich fühlst.“

          Eine der vielen Qualitäten dieser filmischen Auseinandersetzung mit dem an die kapitalisierte Illusion von Unsterblichkeit geknüpften Doppelgängermotiv ist seine akustische Ruhe und Ausgewogenheit. Schon die unterschiedliche Lautstärke des gesprochenen Wortes, all die leisen Zwischentöne, lassen die Szenen real und vertraut erscheinen. Drehbuch und Schauspiel verschmelzen zu einem natürlichen, kaum je überakzentuiert wirkenden Leben, das sich vor dem Zuschauer in Rückblenden entfaltet. Camerons Kopie gleicht dem Original nicht nur äußerlich, auch seine Erinnerungen, selbst solche, die tief in seinem Unterbewusstsein vergraben liegen, sind in seinem Doppelgänger vorhanden – einzig ein stecknadelgroßer Fleck auf seiner Hand unterscheidet das Original vom Duplikat.

          Auf diesen zwei unterschiedlichen Ebenen des Films – jener des bisher gelebten Lebens und jener, in der das Leben des Originals bald endet – begegnet der Zuschauer Camerons Familie durch ihn, mit ihm, in ihm. Streckenweise legt sich der geschilderte Alltag, Kernszenen eines Lebens, wie ein hauchdünner Stoff über eigene Erfahrungen. Das ermöglicht eine fast unheimliche Nähe und ein Eintauchen in die Figuren, das die Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensphasen, an unterschiedlichen Emotionspunkten, aber immer ähnlich stark erschüttern dürfte.

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