https://www.faz.net/-gqz-9mcga

Hazel Bruggers Stand-Up-Kunst : Ein Leuchten in der Detonation

  • -Aktualisiert am

Schnörkellose Humorgewalt: Hazel Brugger bei einem ihrer Bühnenauftritte Bild: Imago

Stand-up-Comedienne Hazel Brugger transportiert ihren scharfsinnigen Humor auf Youtube ebenso wie auf der Bühne. Sie macht vieles anders als die übrigen Aufregungskünstler.

          5 Min.

          Die Frau, die mit Claudia Roth einen Mettigel auf Basis von Reiswaffeln gebastelt hat, sitzt in einem Café in der Kölner Nordstadt und zieht es vor, nichts zu essen. Stattdessen trinkt sie Ingwertee. Sicher würde ihr auch der Anti-Kater-Drink, den sie kürzlich mit Karl Lauterbach gemixt hat, über ihre Erkältung hinweghelfen. Bald muss sie wieder auf Zack sein. Eine der scharfsinnigsten Stand-up-Künstlerinnen des deutschsprachigen Raums geht nach dem gigantischen Erfolg ihres ersten abendfüllenden Programms „Hazel passiert“ abermals auf Tournee. Auf den Plakaten von „Tropical“ ist Hazel unter Palmwedeln zu sehen – eingeklemmt zwischen einer gephotoshopten Ananas und einem Tukan, der aus dem rechten Bildrand herausblickt, als sei er falsch rum ins Plakat montiert.

          Niemanden verbindet man weniger mit dieser feist grinsenden Person auf dem Plakat als die echte Hazel, die jetzt geduldig in ihrem Ingwertee rührt und abwartet, was passiert. Aber genau das ist das Hazel-Prinzip: ein bisschen Nonsens, ein bisschen Trash, ein bisschen Exotik vortäuschen, dann in aller Unschuld die Detonation des Witzes aussitzen. Was an „Tropical“ tropisch ist? Nichts, sagt Hazel. Das Wort habe ihr gefallen. Es sei wie eine Lindor-Kugel: Schokolade gefüllt mit Schokolade. „O Gott, man weiß gar nicht, wo die eine Schokolade aufhört und die andere anfängt!“ Dazu passt, dass Hazel neuerdings keine Übergänge mehr macht. Ein Gang schmilzt rüber in den nächsten. Man könnte meinen, sie sei weicher geworden.

          Ihre Show ist eine Messe

          Hazel Brugger gibt nur wenige Interviews. Und wenn doch, dann ist sie dabei eher schweizerisch diskret als deutsch direkt. Ihr Management schirmt sie gut ab vor Journalisten, die gerne mal mit Hazel an einem Snackautomaten abfeixen würden, weil sie in ihrem alten Programm erwähnt hat, jährlich würden zehn Menschen vor einem Snackautomaten tot zusammenbrechen. Die Leute mit ihrer Sterblichkeit konfrontieren: ein Klassiker der Hazelschen Brüskierungskunst. Wenn der Witz eine Metaphysik hat, wurzelt sie im Tod. Besser: in der Sterblichkeit, die uns Ungleiche ratzfatz wieder zu Gleichen macht – und damit alle zu Freunden Hazels. Ihre Show ist eine Messe.

          Doch auch das ist eine Illusion. Hazel will keine letzten Dinge mit wildfremden Leuten besprechen. Schon gar nicht vor Snackautomaten. Es ist eher so, als wolle sie einen bloß daran erinnern, dass der Snackautomatenmechanismus eines Tages zuschnappt. „Ich hab mir Sie gerade tot vorgestellt“, lockt sie ihr Publikum. Nur um es im gleichen Satz wieder auf Distanz zu bringen. Etwa so groß ist auch der Abstand, der einen von Hazel Brugger trennt, während sie in Köln höflich den Gedankengängen ihrer Interviewerin folgt. „Wenn man höflich ist“, erklärt sie später in Berlin vor achthundert Fans, „ist das Gespräch schneller vorbei.“ Das sei die kommunikative Grundhaltung der Schweizer.

          Hazel Brugger ist erst fünfundzwanzig. Sie hat den sagenhaften Aufstieg einer Slam-Poetin zu einer festen Größe der deutschsprachigen Comedy vollbracht. Sie hat sämtliche Awards gewonnen, die man in ihrer Branche gewinnen kann. Sie ist eine begehrte „Außenreporterin“ der „heute-show“, die sich gerne auf Parteitagen herumtreibt – und zwar mit der ethnografischen Neutralität einer Frau, die in der Schweiz zur Wahlurne geht. Ihr Youtube-Channel „Do it yourself“, ein Format, in dem Hazel mit Politikern Gebrauchsgegenstände bastelt und sie dabei ideologisch aufs Glatteis führt, ist populär – weil Hazel da selbst schon populär war und Politiker sich Sympathiepunkte davon versprechen, mit ihr Dinge wie Mettigel zu kneten.

          Wieso Hazel Brugger schon mit Anfang zwanzig so viel über das Leben wusste, dass sich gestandene Minister, aber auch kleine Parteitagstouristen ohne allzu viel Überredungskunst vor ihr entblößen, bleibt ihr Geheimnis. Fakt ist – und darüber hat Hazel gelegentlich Auskunft gegeben –, dass sie ihre Teenagerzeit eher als Außenseiterin erlebt hat. Bis heute spielt sie die junge Frau, die wenig aus sich macht. T-Shirt, Jeans, Turnschuhe, neutraler Haarschnitt – mit dieser Uniform kann Hazel die Themen Rassismus, Populismus, Feminismus gefahrlos in ihre Rede tröpfeln lassen. Wer jetzt noch optische Akzente setzen würde, wäre vermutlich viel umstrittener. So kann sie sich rühmen, in ihrer Karriere noch keinen einzigen Shitstorm ausgelöst zu haben. Sie plaziert ihre Pointen unaufdringlich und wirkt hinterher immer ein bisschen melancholisch. Hat sie ihr Gegenüber einmal auflaufen lassen, besitzt sie die Freundlichkeit, nicht noch auf ihm herumzutrampeln. „Mit einer humoristischen Aussage riskiert man immer, den Leuten nicht zu gefallen“, sagt Hazel Brugger. Ein Baby brüllt jetzt das Café zusammen. „Vielleicht sollte jemand mal das Messer aus ihm rausziehen?“, schlägt Hazel vor. Dann kommt sie zu ihrem Thema zurück, der weiblichen Gefallsucht. „Wenn du einmal missfällst, ist es viel schwerer, später wieder zu gefallen. Deshalb fährst du besser, wenn Du immer nur so milde amüsant bist. Nie so outrages.“

          Eine Schauspielerin, die eine Stripperin spielt, die Hazel Brugger spielt

          Natürlich hat Hazel Brugger Sympathien für Babys. Und auch für die Sache des Feminismus. Systemkritik nimmt sie dabei persönlich: Für einen Busen-Shot ihrer Internet-Late-Night-„Show Show“, die sie zusammen mit Thomas Spitzer im eigenen Wohnzimmer produziert, hat sie eine Stripperin engagiert. Und als diese zu viel Geld verlangte, eine Schauspielerin, die eine Stripperin spielt, die Hazel Brugger spielt. „Eine starke Frau zu sein bedeutet, dass man schwache Frauen als solche erkennt und diese dann ausbeutet.“

          Sie hat zwei ältere Brüder, über die sie in „Tropical“ auch spricht. Ihre Zuneigung sei durch herzliche Gewalttätigkeit geprägt gewesen. „Flipflop in die Fresse“ und andere Liebesbeweise. Hazel Brugger, das wird jetzt in Ansätzen klar, war eine junge Frau, die sich durchsetzen musste und die dem schwarzen Humor eines Vaters ausgeliefert war, der seinen Kindern am Beispiel Kurt Cobains erläuterte, wie man sich richtig in den Kopf schießen müsse, wenn man nicht als Paraplegiker enden wolle. Dann war sie ein sehr junges Bühnentalent, das nur deswegen den Druck der großen Bühnentalente aushalten konnte, weil sie ihn offenbar gar nicht verspürte. Man ahnt, dass Hazel Brugger früh zu sich selbst gefunden hat. Sie hat den Labrador der Familie beobachtet, der auf der Couch lag. Dann die Kinder in ihrer Selbstgenügsamkeit. Schließlich hat sie die Verstrickungen analysiert, die das Leben der Erwachsenen zu einer schrecklich komplexen Sache machen – um eine kleine Weisheit des frühen Erwachsenendaseins daraus zu drechseln. Eine angenehme Person zu sein, das heiße vor allem, sich von Erwartungen frei zu machen, die nicht die eigenen sind. „Das ist ja eigentlich auch das Ziel jeder Meditation.“

          Hat Hazel Brugger mit „Tropical“ nun ihr frühreifes Alterswerk vorgelegt? „O Gott, nein!“ Aber später in ihrer Show ist sie dann doch wieder ein bisschen streetwise: Respekt sei, wenn jemand einen Marathon unter zwei Stunden laufe und man sich dann denke: „Wäre mir voll nicht aufgefallen, wenn du’s nicht gekonnt hättest.“ Toleranz hingegen, das sei wie stehen, ohne umzufallen. Quasi eine Survival-Strategie für jeden und immer.

          Nun steht Hazel Brugger, ohne umzufallen mindestens jeden zweiten Tag im Jahr auf der Bühne. Dort erzählt sie aus ihrem Leben oder aus dem anderer Leute. In der restlichen Zeit interviewt sie die politische Klasse Deutschlands. An Alice Weidel fasziniert sie das Glitschige, mit der die Frontfrau der Neuen Rechten ihre Ideologie gegen sämtliche Selbstwidersprüche vertritt. Eine attraktive Blondine, die in China Karriere gemacht hat und heute mit einer tamilischstämmigen Frau zwischen Biel und Berlin zwei Kinder aufzieht: Wäre Weidel links, sagt Hazel Brugger, würden alle sie toll finden.

          So ist sie irgendwie ein Ding der Unmöglichkeit: ein Glücksfall und eine Zumutung für ihre Partei; ein Sonderfall fürs politische Kabarett. Weidel lässt sich nicht so einfach wegalbern wie ein FDP-Pascha. Und die Rechten haben inzwischen begriffen, wie man sich die Humorwaffen des liberalen Milieus zu eigen macht. Das ist der Preis ihrer Prominenz: Wenn auch die AfD zeigt, dass sie Ironie kann. Das sei so, wie wenn Trump über Elizabeth Warren, die indianischstämmige Präsidentschaftsaspirantin, twittert: „See you on the campaign TRAIL, Liz!“ Indem er Rassismus als Witz verpackt, nimmt er seinen Kritikern den Wind aus den Segeln. Mit Promis zu spielen ist also das eine. Promis, die mit Kritikern spielen, das andere.

          Denkt Hazel Brugger ans Aufhören? „Mit Frau Merkel würde ich wahnsinnig gerne noch was machen, bevor sie geht. Wenn sie dann aufhört, hör ich auch auf. Wir würden dann gemeinsam den Lebensabend genießen.“ Angela Merkels Legislaturperiode endet 2021. „Tropical“ ist gerade erst angelaufen. Bis dahin wird durchregiert.

          Weitere Themen

          Dann eben doch ohne Zuschauer

          Musikfestival in Sanremo : Dann eben doch ohne Zuschauer

          Am Dienstag startet das „Festival della Canzone Italiana“. Show-Master Amadeus musste auf seine Pläne, Live-Zuschauer auf einem Kreuzfahrtschiff zu stationieren, verzichten – dafür singt vielleicht Fußball-Profi Zlatan Ibrahimović .

          Topmeldungen

          Kritik von Wagenknecht : Daimler und das Steuergeld

          Der Stuttgarter Autohersteller profitiert von staatlichen Subventionen und vom Kurzarbeitergeld – und macht vier Milliarden Euro Gewinn. Ist das in Ordnung?
          Derzeit im Sachverständigenrat (von links nach rechts): Achim Truger, Veronika Grimm, Noch-Vorsitzender Lars Feld, Volker Wieland und Monika Schnitzer

          Die fünf Wirtschaftsweisen : Der nützliche Rat

          Wer den Sachverständigenrat abschaffen oder in ein Gremium amerikanischen Musters verwandeln will, ruiniert unnötig eine Institution. Sie ist nicht perfekt, aber sehr nützlich.
          Nicht mehr so beliebt wie früher: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

          Unruhe in der Union : Jens Spahn im Tal der Fettnäpfe

          Der Gesundheitsminister macht allerhand Schlagzeilen, allerdings keine schönen. Auch Friedrich Merz taucht wieder auf – im Sauerland. Und dann ist da noch der Fall Georg Nüßlein. Es gibt einiges zu sortieren in der Union.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.