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Hazel Bruggers Stand-Up-Kunst : Ein Leuchten in der Detonation

  • -Aktualisiert am

Eine Schauspielerin, die eine Stripperin spielt, die Hazel Brugger spielt

Natürlich hat Hazel Brugger Sympathien für Babys. Und auch für die Sache des Feminismus. Systemkritik nimmt sie dabei persönlich: Für einen Busen-Shot ihrer Internet-Late-Night-„Show Show“, die sie zusammen mit Thomas Spitzer im eigenen Wohnzimmer produziert, hat sie eine Stripperin engagiert. Und als diese zu viel Geld verlangte, eine Schauspielerin, die eine Stripperin spielt, die Hazel Brugger spielt. „Eine starke Frau zu sein bedeutet, dass man schwache Frauen als solche erkennt und diese dann ausbeutet.“

Sie hat zwei ältere Brüder, über die sie in „Tropical“ auch spricht. Ihre Zuneigung sei durch herzliche Gewalttätigkeit geprägt gewesen. „Flipflop in die Fresse“ und andere Liebesbeweise. Hazel Brugger, das wird jetzt in Ansätzen klar, war eine junge Frau, die sich durchsetzen musste und die dem schwarzen Humor eines Vaters ausgeliefert war, der seinen Kindern am Beispiel Kurt Cobains erläuterte, wie man sich richtig in den Kopf schießen müsse, wenn man nicht als Paraplegiker enden wolle. Dann war sie ein sehr junges Bühnentalent, das nur deswegen den Druck der großen Bühnentalente aushalten konnte, weil sie ihn offenbar gar nicht verspürte. Man ahnt, dass Hazel Brugger früh zu sich selbst gefunden hat. Sie hat den Labrador der Familie beobachtet, der auf der Couch lag. Dann die Kinder in ihrer Selbstgenügsamkeit. Schließlich hat sie die Verstrickungen analysiert, die das Leben der Erwachsenen zu einer schrecklich komplexen Sache machen – um eine kleine Weisheit des frühen Erwachsenendaseins daraus zu drechseln. Eine angenehme Person zu sein, das heiße vor allem, sich von Erwartungen frei zu machen, die nicht die eigenen sind. „Das ist ja eigentlich auch das Ziel jeder Meditation.“

Hat Hazel Brugger mit „Tropical“ nun ihr frühreifes Alterswerk vorgelegt? „O Gott, nein!“ Aber später in ihrer Show ist sie dann doch wieder ein bisschen streetwise: Respekt sei, wenn jemand einen Marathon unter zwei Stunden laufe und man sich dann denke: „Wäre mir voll nicht aufgefallen, wenn du’s nicht gekonnt hättest.“ Toleranz hingegen, das sei wie stehen, ohne umzufallen. Quasi eine Survival-Strategie für jeden und immer.

Nun steht Hazel Brugger, ohne umzufallen mindestens jeden zweiten Tag im Jahr auf der Bühne. Dort erzählt sie aus ihrem Leben oder aus dem anderer Leute. In der restlichen Zeit interviewt sie die politische Klasse Deutschlands. An Alice Weidel fasziniert sie das Glitschige, mit der die Frontfrau der Neuen Rechten ihre Ideologie gegen sämtliche Selbstwidersprüche vertritt. Eine attraktive Blondine, die in China Karriere gemacht hat und heute mit einer tamilischstämmigen Frau zwischen Biel und Berlin zwei Kinder aufzieht: Wäre Weidel links, sagt Hazel Brugger, würden alle sie toll finden.

So ist sie irgendwie ein Ding der Unmöglichkeit: ein Glücksfall und eine Zumutung für ihre Partei; ein Sonderfall fürs politische Kabarett. Weidel lässt sich nicht so einfach wegalbern wie ein FDP-Pascha. Und die Rechten haben inzwischen begriffen, wie man sich die Humorwaffen des liberalen Milieus zu eigen macht. Das ist der Preis ihrer Prominenz: Wenn auch die AfD zeigt, dass sie Ironie kann. Das sei so, wie wenn Trump über Elizabeth Warren, die indianischstämmige Präsidentschaftsaspirantin, twittert: „See you on the campaign TRAIL, Liz!“ Indem er Rassismus als Witz verpackt, nimmt er seinen Kritikern den Wind aus den Segeln. Mit Promis zu spielen ist also das eine. Promis, die mit Kritikern spielen, das andere.

Denkt Hazel Brugger ans Aufhören? „Mit Frau Merkel würde ich wahnsinnig gerne noch was machen, bevor sie geht. Wenn sie dann aufhört, hör ich auch auf. Wir würden dann gemeinsam den Lebensabend genießen.“ Angela Merkels Legislaturperiode endet 2021. „Tropical“ ist gerade erst angelaufen. Bis dahin wird durchregiert.

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