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Ein Insiderbericht : Wie das Fernsehen Autoren vernichtet

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Wie eine Erholung erscheint einem Drehbuchautor die Buchbranche: Wer es geschafft hat, die Aufmerksamkeit eines Verlages zu wecken, erfährt neben der Freiheit, zu schreiben, was er möchte, vor allem eines: Anerkennung seiner Arbeit – etwas, das selbstverständlich scheint, das jedoch für einen Drehbuchautor keine Selbstverständlichkeit ist. Eine Fernsehproduzentin, die auch als Verlegerin gearbeitet hat und sich als Beraterin im Buchgeschäft bewegt, drückt es so aus: Die Buchbranche sei beileibe kein Kindergarten, doch man begegne sich bei allem Geschäftssinn mit Höflichkeit und Wertschätzung. Und, fügt sie hinzu, die Rechte der Autoren, vor allem die Urheberrechte, würden ernst genommen. Aus gutem Grund: Ohne Autoren bricht das Geschäft zusammen. Deshalb pflegen die Verlage ihre Autoren – jene, deren Arbeit sie schätzen, und jene, die erfolgreich sind.

Ganz anders beim Fernsehen. Selbst große Erfolge sind kein Garant für ein Folgeprojekt: Entspricht der Pitch, also der Storyentwurf, nicht den Vorstellungen des Auftraggebers, werden andere gesucht, die die Erwartungen erfüllen müssen. Zwei Filmfiguren aus meiner Feder sind nach erfolgreichen ersten Filmen Reihenfiguren geworden – ich habe für diese Reihen keinen einzigen weiteren Film geschrieben. Und das ist kein Einzelfall, Kollegen geht es genauso.

Der Produzent im Fernsehgeschäft spielt den Kutscher

Woran liegt das? Warum erfahren Autoren in der Fernsehbranche nicht eine ähnliche Wertschätzung wie in der Buchbranche? Meine Antwort ist: Der Erfolg und die Qualität eines Filmes – und nur der wird am Ende beurteilt – ist beim Fernsehen entkoppelt von der kreativen Leistung des Autors. Die Produktionsgesellschaften und Sender sehen sich während des Entstehungsprozesses eines Drehbuches nicht als Geburtshelfer einer kreativen Leistung, sondern als Lenker und Entscheider. Anders der Lektor eines Buchverlages, mit ähnlich viel Macht ausgestattet wie ein Producer: Er versteht sich als Begleiter des Autors bei der Suche nach der Geschichte, er steht ihm fördernd zur Seite.

Ein Producer oder Produzent im Fernsehgeschäft hingegen ist der Kutscher, der sich vom Autor den von ihm vorgegebenen Weg hinaufziehen lässt. Lahmt ein Pferd oder kommt es vom ausgetretenen Pfad ab, wird es gewechselt. „Das ist meine Film-Reihe“, hat mir einmal eine Produzentin gesagt, nachdem es zwischen uns einen Dissens über Stil und Inhalt der weiteren Folgen des erfolgreichen ersten Filmes gab. Das Gefühl „Das ist meins!“ nährte sich allein aus dem Umstand, dass sie die Idee oder den Auftrag hatte, einen Film mit einem bestimmten Schauspieler an den Start zu bringen.

Ergebnis: kein weiterer Auftrag

Nun ist ein Drehbuchvertrag besser als kein Drehbuchvertrag, kann man aus wirtschaftlicher Sicht einwenden. Aber aus künstlerischer Sicht? Sollte man als Drehbuchautor nicht widersprechen und für seine Ideen kämpfen?

Widerspruch lohnt sich nicht. Zweimal in zehn Jahren habe ich es mit Nachdruck versucht, und nach langen Auseinandersetzungen entstanden gute Bücher für sehr erfolgreiche Filme. Aber danach galt ich als schwieriger Autor – und wer möchte schon mit schwierigen Autoren zusammenarbeiten? Ergebnis: kein weiterer Auftrag.

Den Autoren Verantwortung überlassen

Jetzt daraus zu schließen, dass man als Drehbuchautor besser in die Buchbranche wechselt, ist folgerichtig – und zugleich fatal. Denn genau wie die Buchbranche lebt das fiktionale Fernsehen von der Kraft der Autoren. Aufzuhören ist der falsche Weg. Die Kunst besteht darin, die Lücken im System zu entdecken und die richtigen Menschen zu finden, mit denen Projekte möglich sind, die sich abheben vom täglichen Einerlei. Es gibt diese Menschen. Sich gegenseitig zu finden braucht Beharrlichkeit und Zeit. Doch es lohnt sich.

Solche Begegnungen führen immer wieder zu großartigen Filmen, es könnten aber noch viel mehr sein. Es könnten Dinge entstehen, die wir nicht erwarten, es könnten Filme und Serien realisiert werden, die uns von den Socken hauen. Es müsste nur – so wie in den Vereinigten Staaten – die Bereitschaft geben, Autoren Verantwortung zu überlassen. Und es bräuchte den Mut, Projekte an den Start zu bringen, die anders sind als das, was bisher erfolgreich war. Möglicherweise irre ich mich, und das Programm würde nicht erfolgreicher. Aber eines wäre es nicht: langweilig.

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