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Ein Gespräch mit dem Schauspieler Edgar Selge : Ich spiele einen Kohlhaas im Genre des Horrorfilms

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„Identitätsschwäche gibt es in mir am laufenden Meter“: Edgar Selge sieht sich selbst ziemlich kritisch. Bild: Jörg Michael Seewald

Edgar Selge spielte im „Polizeiruf“ einen einarmigen Kommissar. Jetzt gibt er im ZDF einen Mörder. Mit Tätern kennt er sich aus. Und er weiß, warum ihn Hollywood nicht lockt.

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          In dem Krimi „Hattinger und die kalte Hand“ spielen Sie den Mörder Albrecht Ostermeier. Seine Täterschaft ist von Beginn an klar. Und klar scheint mir auch, dass Michael Fitz in der Rolle des Kommissars Hattinger zum Statisten mutiert. Hat er Ihnen leidgetan?

          Edgar Selge: Warum denn? Ich finde, er hat wirklich Charme in dieser Rolle, und das kann man nicht über viele Kommissare sagen.

          Einer Figur wie Albrecht Ostermeier zu begegnen ist ein Horrortrip – im Film für den Zuschauer, aber auch für mich beim Lesen des Buches.

          Meine Angst war, dass man sich für diesen mordenden Menschen nicht interessiert, sondern sich nur vor ihm fürchtet. Dieser kleinbürgerliche Rechthaber, der nicht verwinden kann, dass ihm Unrecht geschehen ist, und der mit seinem ausgeklügelten Racheplan seine kleine Welt auf Ärztepfusch und Rechtsbeugung hinweisen will. Ein Kohlhaas im Genre des Horrorfilms. Hans Steinbichler, unser Regisseur, hat mir dann klargemacht, dass das Interessante an dieser Figur die Überforderung ist, denn auch ein Mörder kann sich mehr zumuten, als er tragen kann.

          Warum hat Sie das interessiert?

          Jeder von uns erlebt mal Erniedrigung, Machtmissbrauch, jeder von uns kennt den Zustand, sich nicht wehren zu können. Dieses Gefühl, rettungslos dem bösen Spiel von anderen ausgeliefert zu sein, lässt Rachephantasien entstehen, auch Mordgedanken. Solche Gedanken im Film zu Ende zu spielen, finde ich immer interessant, denn die Konsequenzen unserer Gewaltphantasien stellen wir uns nur selten realistisch vor.

          Wie fühlt man sich als „Mörder“?

          Keine Ahnung, Gott sei Dank! Ich versuche mir zum Beispiel vorzustellen: Was passiert mit mir, wenn ich mit so einem Skalpell in der Aktentasche vor dem Haus meines Opfers stehe, die Türklingel drücke und plötzlich eine liebenswürdige Frau vor mir steht, die mich freundlich anlächelt. Die soll ich nun laut Drehbuch umbringen. Tatsächlich bekomme ich aber Schweißausbrüche, meine Stimme überschlägt sich vor Aufregung, und am liebsten würde ich weglaufen. Das darf ich laut Drehbuch zwar nicht machen, aber alles andere, die Nerven, das Lampenfieber des Mörders, die kindliche Hilflosigkeit angesichts des eigenen Vorsatzes, diese Frau umzubringen, das kann ich spielen, und so entsteht auf einmal eine gespaltene, komplexe Figur.

          Man muss dann ziemlich rücksichtslos sein – beziehungsweise spielen.

          Ich orientiere mich an der Wirklichkeit meiner Spielpartner, ihrer Ausstrahlung auf mich. Ich lasse zu, was ich mit ihnen beim Spielen erfahre. Und mehr versuche ich gar nicht zu spielen. Die Rollen, die die Kollegen spielen, interessieren mich viel weniger als die Kollegen selbst. Hans Steinbichler folgt seinen Schauspielern mit unglaublicher Sensibilität und Hellsichtigkeit. Er ist ein Regisseur, der Grenzen aufhebt, auch Rollengrenzen.

          Edgar Selge als Fernsehkohlhaas Albrecht Ostermeier
          Edgar Selge als Fernsehkohlhaas Albrecht Ostermeier : Bild: Marco Nagel

          Steinbichler scheint das Klaustrophobische seiner alpinen Heimat zu lieben.

          Er kennt die Schönheit der Landschaft, und er kennt das Gift in dieser Schönheit.

          Schläft man schlecht, wenn man im Film eine solche Rolle spielt?

          Nein, das ist ja kein moralischer Vorgang. Man muss sehen, wie man abends wieder runterkommt, mit Meditation oder Alkohol.

          Glauben Sie, dass die richtigen Rollen zu einem kommen?

          Ich glaube schon, dass die richtigen Rollen mich gefunden haben.

          Frühe Erfahrungen spielen in dem Film auch eine Rolle. Wie wichtig ist die Kindheit für die Seele?

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