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Gespräch mit Mohamed Fahmy : Wir haben keinerlei Verbrechen begangen

Es ist kein Geheimnis, sagt Mohamed Fahmy, dass Ägypten und Qatar, Eigentümer von Al Dschazira, offene Rechnungen haben. Beglichen werden diese vor Gericht. Bild: AP

Mohamed Fahmy steht in Kairo vor Gericht, weil er die Muslimbrüder unterstützt haben soll. Dabei hat er als Bürochef von Al Dschazira nur seinen Job gemacht. Gegen den Sender erhebt er schwere Vorwürfe. Am Samstag fällt das Urteil.

          Am Samstag wird der Urteilsspruch des Kairoer Gerichts in Ihrem Fall erwartet. Haben Sie Hoffnung auf ein faires Urteil?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ich hoffe, dass der zwanzigmonatige Albtraum eines Schauprozesses am Samstag mit dem Freispruch endet, den wir als Journalisten, die keinerlei Verbrechen begangen haben, verdienen. Ich bin jedoch nur verhalten optimistisch, weil ich weiß, dass das Ergebnis des Gerichtsverfahrens politisch beeinflusst sein könnte, da Ägypten und Qatar, Eigentümer von Al Dschazira, offene Rechnungen miteinander haben. Wir sind dem Umstand zum Opfer gefallen, dass sich die Beziehungen zwischen beiden Nationen so verschlechtert haben. Es ist kein Geheimnis, dass Qatar der Muslimbruderschaft hartnäckig die Stange hält, also der während des Arabischen Frühlings organisiertesten politischen Gruppierung, die von der jetzigen ägyptischen Regierung gestürzt und zu Terroristen erklärt wurde.

          Als Beobachter kann man sich nur schwer vorstellen, welche Beweise die Staatsanwaltschaft für die Beschuldigung hat, Sie und Ihre Kollegen Baher Mohamed und Peter Greste hätten die Muslimbruderschaft unterstützt und die nationale Sicherheit untergraben. Der Staatsanwalt sagte, Sie hätten „Falschmeldungen“ verbreitet. Können Sie mir erklären, was das bedeutet?

          Als Al Dschaziras Büroleiter in Ägypten weiß ich, dass unsere Berichte nie erfunden, sondern immer ausgewogen und gut belegt waren. Die von dem Gericht, das uns im ersten Prozess zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilte, als Sachverständige berufenen Videoexperten sagten aus, unsere Berichte seien erfunden und gefährdeten die nationale Sicherheit des Landes. Im jetzigen Wiederaufnahmeverfahren bestätigten die neuen Sachverständigen, dass keiner unserer Berichte erfunden war, sie sahen sich aber nicht dazu in der Lage, zur Frage der nationalen Sicherheit Stellung zu nehmen. Es besteht also die Hoffnung, dass der Prozess sehr viel fairer sein wird, zu unseren Gunsten. Der Staatsanwalt nahm auch Anstoß an dem Ausdruck „Putsch“ für das, was sich in Ägypten zutrug. Es geht also mehr um den Kampf der Ideologien und Wahrnehmungen und die ganze Objektivitätsdebatte. Dafür ist ein Strafgerichtshof nicht der rechte Ort.

          Wie beurteilen Sie die Arbeit von Al Dschazira sowie die ethische und professionelle Einstellung des Senders? Sie haben den Sender, für den Sie gearbeitet haben, beschuldigt, er habe Sie und Ihre Kollegen in Gefahr gebracht.

          Ich habe die ägyptische Staatsanwaltschaft, die uns ins Gefängnis gebracht hat, nicht aus den Augen verloren und all ihre Fehler in Erklärungen, die ich aus dem Gefängnis heraus abgab, sowie in Einlassungen vor Gericht hervorgehoben. Nachdem ich jedoch viele Häftlinge im Gefängnis interviewt und sämtliche Prozessakten sowie Befragungen von Inhaftierten gelesen hatte, kam ich zu dem Schluss, dass Al Dschazira bewusst fahrlässig gehandelt und sich einer falschen Darstellung schuldig gemacht hat, was zu unserer ungerechtfertigten Verurteilung beitrug und unsere Situation sehr verschlechterte. Zunächst einmal erfuhren wir Journalisten erst im Gerichtskäfig, dass dem Sender die Betriebs- und Sendelizenz vier Monate vor unserer Festnahme von der Regierung entzogen worden war. Ich interviewte im Gefängnis auch Mitglieder der Muslimbruderschaft, die Kameras und Ausrüstung für Liveübertragungen von Al Dschazira erhalten hatten und Filmmaterial an den Sender verkauften, das auf den arabischen Kanälen ausgestrahlt wurde, ohne dass man es vorher ordentlich geprüft und die Quellen genannt hätte. Ich war schockiert, als ich das erfuhr, denn das hat nichts mit Graswurzel-Journalismus zu tun und erweckt eher den Eindruck, dass Al Dschazira sich in den Kampf stürzt, als lediglich über ihn zu berichten. Eine oppositionelle Gruppe zu unterstützen, die in Ägypten (oder irgendeinem anderen Land) zu Terroristen erklärt wurde, ist verpönt und würde nicht als Medienarbeit durchgehen.

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