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„New York Times“ in der Kritik : Ein Forum für alle?

Sturmumtost: das Gebäude der „New York Times“ in New York Bild: AP

Von Kollegen gemobbt, von Twitter bevormundet: Meinungsredakteurin Bari Weiss verlässt die „New York Times“ – und erklärt in einem gepfefferten Kündigungsbrief, warum sie dort nicht mehr arbeiten möchte.

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          Bari Weiss, Redakteurin der Meinungsseiten bei der „New York Times“ (NYT), hat die amerikanische Zeitung am Dienstag verlassen. Bevor sie ging, veröffentlichte sie auf ihrer Internetseite ein öffentliches Kündigungsschreiben an den Herausgeber A.G. Sulzberger: Ihr sei es immer um das gegangen, was der einstige NYT-Eigentümer Adolph Ochs schon im Jahr 1896 gefordert habe, nämlich „die Spalten der New York Times zu einem Forum aller Fragen von gesellschaftlicher Bedeutung auszubauen, und deshalb zur intelligenten Diskussion von allen erdenklichen Standpunkten aus einzuladen“. Diese, ihre Arbeit, für die sie Sulzberger einst geholt habe, schrieb Weiss, könne sie nun nicht mehr ausüben.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Weiss hatte vor drei Jahren bei der NYT begonnen. Man habe sie, schreibt sie, geholt, um Stimmen ins Blatt zu holen, die „die Times nicht selbstverständlich als ihre Heimat betrachten“. 2016, ein Jahr bevor Weiss zur NYT kam, hatte Donald Trump die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Das hatte selbst die klügsten Köpfe der „Times“ überrascht – und getroffen. Um derartige blinde Flecken zu vermeiden, wollte das Blatt nun auch konservativen Meinungen mehr Platz verschaffen, um ein breiteres Spektrum der amerikanischen Gesellschaft abzubilden. Zwar war es Weiss gelungen, neue, junge und teils kontroverse Autoren zu präsentieren, doch habe man sich der Lektion, die daraus hätte folgen müssen – „andere Amerikaner zu verstehen, dem Stammesdenken etwas entgegenzusetzen“ und dem entscheidenden Anliegen, dem freien Austausch von Ideen in einer demokratischen Gesellschaft – letztlich verweigert. Stattdessen sei in der NYT eine Art stiller Konsens entstanden, „dass Wahrheit kein Prozess gemeinschaftlicher Entdeckung ist, sondern etwas Orthodoxes, das nur einer kleinen Gruppe von Eingeweihten bekannt ist, deren Job es ist, alle anderen zu informieren“.

          Auch intern als Nazi und Rassist beschimpft 

          Diese Gruppe der Eingeweihten macht Weiss vornehmlich auf der Social-Media-Plattform Twitter aus: Es stehe zwar nicht im Impressum, doch sei nun Twitter oft „der letztgültige Redakteur“ der NYT. Die dortige Ethik und die Sitten seien die der Zeitung geworden. Geschichten würden dadurch so ausgewählt und erzählt, dass sie ein begrenztes Publikum befriedigten, „anstatt eine neugierige Öffentlichkeit dazu zu befähigen, etwas über die Welt zu lesen und daraus ihre eigenen Schlüsse zu ziehen“.

          Wegen ihrer eigenen „Ausflüge“ in das daraus resultierende „Falschdenken“ (im englischen Original steht der Kampfbegriff „Wrongthink“) sei Weiss oft von solchen Kollegen gemobbt worden, die nicht mit ihrer Weltsicht übereinstimmten. Als Nazi und Rassist sei sie auch intern beschimpft worden, Kollegen, die gut mit ihr auskamen, seien in anderen Kontexten geschnitten worden. Auch Beleidigungen in firmeneigenen Messenger-Kanälen oder von Kollegen auf Twitter hätten stets ohne die Angst vor Konsequenzen geäußert werden können. An Sulzberger gerichtet schreibt Weiss: „Ich weiß nicht, wie Sie diese Art von Benehmen in Ihrer Firma vor Augen der gesamten Belegschaft und der Öffentlichkeit zulassen konnten.“ Zumal man Weiss privat für ihren Mut gelobt habe. Alles in allem lebe man in ständiger Angst vor der „digitalen Donnerkuppel“.

          Noch am Dienstag berichtete die NYT über die Kündigung von Bari Weiss, als hätte sie eine ganz andere Zeitung verlassen. Der NYT-Medienjournalist Edmund Lee zitierte einige ihrer vehementesten Vorwürfe gegen sein Blatt und dessen Herausgeber. Letzterer, heißt es im Bericht von Lee, habe es abgelehnt, die Sache zu kommentieren. Stattdessen wird NYT-Sprecherin Eileen Murphy mit den Worten zitiert, man sehe sich dazu verpflichtet, „eine Umgebung des ehrliche und empathischen Dialogs zwischen Kollegen zu fördern, in der gegenseitiger Respekt von allen Seiten erwartet wird“. Weiss, die ihren Brief laut Lee „nicht sofort kommentieren“ wollte, sei indes bekannt dafür gewesen, „Aspekte gewisser Bewegungen für soziale Gerechtigkeit in Frage zu stellen“. Dafür sei sie des Öfteren kritisiert worden.

          Zuletzt sei Weiss demnach auch für Aussagen im Kontext der redaktionellen Debatten über den Meinungsbeitrag des Senators Tom Cotton in die Kritik geraten. Vor dem Hintergrund der Proteste gegen Polizeigewalt war auf den Meinungsseiten ein höchst umstrittener Gastbeitrag von Cotton mit dem Titel „Send in the Troops“ abgedruckt worden. Dieser – wie Weiss ihn bezeichnete – interne Krieg zwischen „(überwiegend jungen) Wokes“ und „(überwiegend mindestens Vierzigjährigen) Liberalen“ hatte bereits im Juni dazu geführt, dass der einstige Chef der Meinungsseiten, James Bennet, hinwarf.

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