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Ein Fernsehporträt von Sarkozy : Im Elysée gibt es täglich Shakespeare

Pressekonferenzen sind seine Sache: Hier kanzelt Nicolas Sarkozy gerade Großbritanniens Premier David Cameron ab. Bild: DPA

Auslandskorrespondenten nehmen kein Blatt vor den Mund: Für sie ist Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ein Harlekin.

          Für den Pariser Korrespondenten des englischen "Independent" ist Nicolas Sarkozy eine Figur wie aus einer schmierigen Seifenoper: "Er hat sein Amt nie ernst genommen", befindet John Lichfield, "er hält sich für wichtiger als seine Aufgabe." Stephan Merseburger, der von 2003 bis zu diesem Herbst für das ZDF aus der französischen Hauptstadt berichtete, meint, Sarkozy "glaubte wirklich, dass er das alte Schloss Elysée entstauben würde". Insgesamt achtzehn ausländische Journalisten - auch aus China, Algerien, Kamerun, Russland - hat William Karel befragt. Ihre Aussagen hat er mit viel Archivmaterial zu einem prägnanten, aber auch etwas überzeichneten Porträt des Staatspräsidenten zusammengefügt: "Looking for Sarkozy". Der Politiker erscheint nicht unbedingt so, wie ihn die Franzosen kennen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Westschweizer Fernsehkorrespondent Jean-Pierre Schaller erregte Aufsehen, als er enthüllte, dass vor Sarkozys häufigen Besuchen in Fabriken ein Mitarbeiter-Casting durchgeführt wird: Man wählt Angestellte aus, die nicht größer sind als der Präsident. Gemeinsam mit einem russischen Journalisten hat William Karel das ungarische Dorf besucht, aus dem die Sarkozys stammen, diesem ist hier ein Museum gewidmet. Der Autor geht auf die wichtigen Momente von Sarkozys fünfjähriger Amtszeit ein. Er erinnert an die skandalöse Rede in Dakar über das "geschichtslose Afrika", von der auch relativ informierte Zeitgenossen erstmals Fernsehbilder zu sehen bekommen. Weitere Schwerpunkte von Sarkozys politischer Aktion sind die wiederholten rhetorischen Kriegserklärungen an die Banlieues, die Verfolgung der Roma und die Zerstörung ihrer Lager sowie - natürlich - die vielen Gipfeltreffen zur Banken- und Euro-Krise. Der Krieg gegen Gaddafi kam für die Sendung zu spät.

          Die Freiheit der Korrepondenten

          Die Wahrnehmung der französischen Realitäten, der Politiker in Paris und besonders des Präsidenten durch die Korrespondenten entspricht in keiner Weise der Darstellung in den französischen Zeitungen. Die ausländischen Korrespondenten müssen verknappen, zuspitzen, erklären und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Sie sind kühner und kritischer, denn sie entziehen sich dem Einfluss des Elysée. Und sie haben stets sehr viel unbelasteter über das komplizierte Liebesleben des Präsidenten berichtet. Schon als Innenminister war Sarkozy bemüht, die französischen Journalisten zu manipulieren und zu überwachen. Bei den Korrespondenten ist das schwieriger. Er empfindet sie, wie Charles Bremner von der Londoner"Times" erklärt, als "Gefahr".

          Als solche sehen ihn umgekehrt auch die Journalisten. "Sarkozy ist gefährlich", überschrieb Joëlle Meskens von "Le Soir" (Brüssel) einen Leitartikel. "Er hat dreihundert Reformen angekündigt, dreißig hätten genügt, zwei hat er umgesetzt", rechnet ein Beobachter vor. Ein anderer bezeichnet die Inszenierung im Elysée als "täglich Shakespeare". "Ein Riesenplakat und nichts dahinter", höhnt Octavi Marti ("El País"). Die Korrespondenten zeichnen einen Sarkozy, der auf Obama eifersüchtig und über Angela Merkel verärgert ist. Im Laufe der Sendung wird er mit Begriffen beschrieben, die man im Zusammenhang mit Staatspräsidenten eher selten hört: erbärmlich, schäbig, unwürdig, jämmerlich, gemein, schmutzig. Die tägliche Berichterstattung der Korrespondenten ist zweifellos kompetenter und zurückhaltender als die Zusammenstellung ihrer Statements, die einer Karikatur gleicht.

          Der Schein könnte trügen

          Der Film erweckt den trügerischen Eindruck eines Endspiels: eine schlechte Bilanz, ein schlechter Präsident des Scheins und ohne Substanz. Die Korrespondenten reden von ihm in der Vergangenheit. Dass er nochmals antreten will, steht außer Zweifel. John Lichfield schließt trotz aller Pannen und Peinlichkeiten einen neuerlichen Sieg nicht ganz aus: "Seine Ausübung der Macht ist nicht gut, aber er versteht es glänzend, sie zu erobern."

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