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Ein Drehbesuch bei Klaus Lemke : Klau mir das Herz eines Rockers

Der Vampir und sein Opfer: Klaus Lemke und Saralisa Volm Bild: Klaus Lemke

Nur die Katastrophe kann uns noch retten: Der Regie-Anarchist Klaus Lemke ist in Berlin und dreht einen Film über die heimlichen Helden der Hauptstadt, wie immer ohne Drehbuch. Noch weiß keiner, wer und wo er am Ende sein wird.

          7 Min.

          Um 6.11 Uhr kommt die erste SMS. Sie teilt mit, dass der Teenager vor dem Hotel bereit sein werde. Jetzt steht er da, er hat erwachsene Züge. Wir folgen ihm in einen weißen Mercedes, der einmal ein Taxi war und im Inneren kaum daran erinnert. Centstücke übersäen den Boden, Bananen faulen hinter der Schutzscheibe, vor der Kupplung hängt ein Schild: Fuck Yoga! Das ist ein erster Hinweis. Es geht zum Dreh mit Klaus Lemke, der sich den unabhängigsten aller Filmemacher nennt.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Lemke verachtet Yoga, er hält es für ein Biotop der kapitalistischen Psyche. Einige Blöcke weiter geht er die Straße entlang, als würde er von seinem Image erpresst. Zerschlissene Jeans, ein fleckiges T-Shirt, unter der weit nach unten gezogenen Schiebermütze liegen die Augen tief verschattet, sein Gang ist federnd, der Körper vital und gespannt. Er sieht immer so aus, verwittert mit seiner Legende. Er setzt ein Haifischlächeln auf, dann sagt er „Cowboy!“, es wirkt nicht unpassend, man wird sich daran gewöhnen können.

          Seit drei Wochen ist Lemke in Berlin, der Film, der entstehen soll, hat wie immer kein Drehbuch und keine professionellen Darsteller, er fängt einfach an, mit einer groben Idee und der ersten Szene und entwickelt sich so fort, in seinem Kopf, im freien Spiel. Er handelt von Ausreißern, die es allein oder paarweise nach Berlin verschlägt, wo sie von der Großstadt verschluckt werden, Verletzungen davontragen und immer wieder aufstehen. Viele seiner Filme erzählen eine ähnliche Geschichte. Dieses ist sein erster in Berlin.

          Lemkes Helden: Saralisa Volm, Marco Barotti, Anna Anderegg, Henning Gronkowski (von links nach rechts)

          Lemke hat sich der Hauptstadt lange verweigert und sie einen subventionierten Unsinn für verspannte Töchter und söhne genannt. Umgestimmt hat ihn die Erkenntnis, dass der Irrsinn hier ein fröhlicheres Tempo hat, vielleicht auch, dass seine gewohnten Reviere, Schwabing und der Hamburger Kiez inzwischen ausgefischt sind. Er kommt spät in die Stadt, die schon ihre Kinder zum Yoga schickt, also hat er sie rhetorisch aufgerüstet. „Berlin ist eine Kriegserklärung an brav, banal und begütigend: hingelümmelt auf dem Sprung ins Nirvana mit aufreizender Lässigkeit.“ Das ist reinste Lemke-Prosa. Manche dieser Formulierungen nomadisieren und spielten schon in anderen Erklärungen eine Rolle.

          Ein melancholisches Herz

          Lemke Filme stehen für das Harte, Direkte, Spontane. Sie sind Milieustudien in der Subkultur, flirrende Alltagsekstasen, Projektionsflächen für den Wunsch nach einem freieren Leben, schmutzig und zärtlich, am Rand des Porno, Lemke spricht lieber von einer „Sexualität, die ins Verliebtsein explodiert“. Es gibt viele Brüche in diesen Filmen, Menschen liegen sich in den Armen und gehen plötzlich auseinander, Situationen, die ins Leere gehen. Manchmal entsteht daraus jedoch eine unaufwendige Poesie, die fortreißt, ohne sich zu erklären, und die Irritation über die Leerstellen verwischt.

          Man gewöhnt sich an die direkte, obszöne Sprache, während es zum ersten Drehort geht. Die Coolness soll harmloser Warmherzigkeit keine Chance geben, hat aber nichts Brüskierendes. Dahinter schlägt das Herz eine Rockers. Ein melancholisches Herz. Lemkes Geschichten kreisen meist um denselben Kern: Junge läuft Mädchen nach, und weil er sie nicht kriegt, begehrt er sie um so mehr, bis sie ihm zur Obsession wird, und während er noch nicht merkt, dass er der Dumme ist, geht er daran kaputt. „Warum ist das so, dass immer die Männer draufgehen?“, fragt er, und weiß nur die Antwort, dass die einzig wahre Liebe die unerwiderte ist.

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