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Ein Drehbesuch bei Klaus Lemke : Klau mir das Herz eines Rockers

Henning Gronkowski hat Glück, es hat begonnen zu regnen. Der Nachmittagsdreh wird abgesagt, und ihm bleibt vorerst der schlimmste Tag seines Lebens erspart, an dem er von Anna verlassen wird und sich auf dem Hackeschen Markt als Straßenmusiker durchschlagen soll, dadurch erschwert, dass er kein Instrument beherrscht. Lemke hat ihn auserwählt, seine Krisentheorie auszubaden. Er nennt ihn Teenager, weil er siebzehn war und sich älter ausgab, als er in seinen Kosmos stolperte.

Er hat etwas Ungezähmtes, das prädestiniert ihn für die Rolle der schönen Seele. Lemke, sagt man, saugt seine Darsteller aus wie ein Vampir. Er greift sich ihre noch unvermauerten Seelen und verfrachtet ihr Leben in den Film, um es dort ins Chaos zu stürzen. Erst zeige er ihnen ihr Idealbild. Dann reiße er es weg und treibe die Abgründe aus ihnen hervor, bis sie sich selbst nicht mehr kennen. Taktisch verschlagen? „Ich liebe sie ja.“

Ob sie davon wissen? Saralisa sitzt im „Borchardt“, ein Pfeffersteak vor sich, und weist die Avance zurück. Sie möge seine Filme ja nicht, sagt sie, und wählt die kultivierte Variante. Sie lese lieber, das Imaginäre zwischen den Buchstaben bedeute ihr mehr als der Film. Sie wirkt nicht verstört, eher routiniert in ihrer Rolle, obwohl Lemke ihr wenig erspart. Er treibt sie psychisch und sexuell an die Grenze. Sie ist ein Verausgabungswunder. Sie habe keine Schamgrenzen, sagt sie, der Grad der Verstrickung bleibt ungeklärt. Lemke hat sie an der Kasse von H & M entdeckt, bei einem seiner Sekundencastings, wie er damals Iris Berben ins Auto lud, mit dem breitschultrigen Versprechen, sie zum Film zu bringen. Das ist jetzt ihr dritter Film, deshalb endet er mit einer Frage. Drei Filme gibt Lemke vor, dann sollen sie für das Filmgeschäft fertig sein. Ist sie absprungbereit? Sie ist eloquent und umspielt diese Frage. Sie sei auch Studentin, Philosophie und Kunstgeschichte.

Anna Anderegg fehlt diese Routine, sie sucht ihren Kopf nach drei Wochen Drehzeit. Das greift stärker ins Leben als sie dachte und wollte. Alles kreist und dreht sich, verschiebt sich ständig, schwierig, die Balance zwischen Privatleben und Filmrolle zu finden, wenn der Film mit dem wirklichen Partner in der eigenen Wohnung spielt. Man könne sich da finden, aber es könne auch negativ sein. Lemke ist ein feinfühliger Marionettenspieler, der die Zeit zwischen den Szenen nutzt, um seine Leute in die passende Stimmung zu bringen. Am Vortag foppte er Anna, voller Wut stolperte sie in die nächste Szene. Ihr Partner trug ein blaues Auge davon.

Wenn Sprache spricht und Filme filmen

Später kommt eine SMS von Lemke. Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem der Film beginnt, sich selbst zu drehen. Lemke hat eine ehrfürchtige Liebe zu Heideggers Sprachmetaphysik, die ihm diese Formel einflüstert. Wie die Sprache dort spricht, soll langsam auch der Film die Regie übernehmen. Die Stimmung am Drehort ist angespannter. Saralisa zieht an der Zigarette, wirft die Haare herum und beugt sich nach vorne. Ein Tag Prügel, ein Tag Sex, das ist der Rhythmus, sagt sie, ihre Stimme ist etwas brüchiger als sonst. Es sei ihr recht so, sie ist jetzt die Harte. Sie steht in der Küche und wählt zwischen vier Kleidern, die sie gerade eingekauft hat. Zu lieb für sie, aber gut zum Zerreißen. Sie entscheidet sich für das florale Muster.

Kurz darauf wird sie ins Auto gezerrt. Auf der Hinterbank zerreißt das Kleid, ein Designeranzug geht entzwei, ein Reißverschluss verklemmt sich, daneben flutet der Verkehr, Passanten wechseln fragende Blicke. Es ist nichts abgesperrt und nichts genehmigt, es gibt nur einen Mann, der viele Schlüsse zulässt, und eine kleine Kamera. Der Wedding bleibt unbewegt. Lemke steht mit weit gegrätschten Beinen vor der Kamera und treibt das Geschehen vor sich her. „Spitzenklasse. Das ist Action, die wir lieben.“ Er meint den Temporausch, das Atemlose, in den Fluss des Geschehens eingreifen, die Szene sofort überdenken, dann noch einmal. Diese großartige Beherrschung des Augenblicks.

Saralisa steht vor der Tür des Mercedes und zerrt ihr zerrupftes Textil zurecht. Lemke greift in die Tasche und wedelt mit den Scheinen. Fünfzig für die größeren Rollen, zwanzig für die kleineren. Das Budget geht zur Neige. Ein Drittel des Films ist im Kasten, und die Hälfte der eingeplanten 17.000 Euro ist verbraucht.

Zwischen vier und fünf Uhr morgens rattert Lemkes Gehirn wieder und spuckt vier Kurznachrichten aus, lauter kleine Manifeste. „Wie überall kommt auch im Film zum Schluss alles auf die Macht eines schrägen Lächelns an.“ Man zweifelt jetzt kaum noch daran.

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