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Ein Drehbesuch bei Klaus Lemke : Klau mir das Herz eines Rockers

Der erste Drehort liegt in einer Künstlerwohnung im Wedding. Ein großer Raum mit verfilztem Teppich, die Glieder einer Schaufensterpuppe liegen verstreut am Boden, an der Wand ein Klavier, auf das Kerzenwachs einen klebrigen Film gelegt hat. „Also Diggaz, Plan!“ Lemke gibt das Schema vor, erklärt die Dialoge. Er hat klare Vorstellungen, spricht energisch, ohne Pausen. Am letzten Drehtag flogen Stühle vor dem Café Oberholz, zwei Männer prügelten sich um Saralisa Volm. Jetzt tritt sie in die Tür, sie ist Lemkes Muse der letzten Jahre, sehr sinnlich, verwegen, ein funkelnder Blick, den sie schnell ins Abgebrühte wenden kann. Von draußen dringt Baulärm in die Wohnung, zwischen Bad und Küche erklärt sie ihrer Konkurrentin die häuslichen Pflichten, zu denen es gehört, sich dem Hausgott sexuell gefällig zu zeigen. Das mache sie jetzt noch einmal, sagt sie ruhig, aber dann solle sich die andere an den Job gewöhnen. Anna Anderegg, im realen Leben Tänzerin, ist zum ersten Mal dabei und tastet nach Gesten und Worten. „Nee, mache ich nicht. Ich lieb' den doch.“ Dann flutscht es ihr raus: „Soll der das doch machen.“ - „Bombe!“ ruft Lemke, „das haben wir.“ Der Slang der Siebziger ist bei ihm erstaunlich gut gealtert.

Jeder Film folgt einem Ritual. Die Schauspieler bekommen fünfzig Euro am Tag, bar auf die Hand, er selbst streckt das Geld vor, das Budget ist überschaubar, um die fünfzigtausend Euro. Hinterher verkauft Lemke die Filme für rund hunderttausend Euro. Das ZDF ist ein treuer Abnehmer. Wenn das Geld knapp wird, dreht er Surfwerbefilme.

Die Katastrophe muss uns retten

Auf der Fahrt zum nächsten Drehort passieren wir den ausgedehnten Fuhrpark eines Filmteams. Das Reich des Trägen im Blick, packt Lemke der alte Furor. „Schon das Catering verschlingt an einem Tag mehr als mein gesamtes Filmbudget.“ Lieber solle man Omas Häuschen heimlich beleihen, als sich im Subventionstopf der staatlichen Filmförderung weichkochen zu lassen. Er ist mit seinem marktradikalen Standpunkt die etablierte Ausnahme im Betrieb, ihm wird immer wieder Verehrung zuteil, wenn der deutsche Film ein Unbehagen an sich verspürt.

Es ist keine Zufallsrolle. Die Legende ist erarbeitet. Es begann in den Sechzigern, er sog Godards „Außer Atem“ in sich hinein, folgte den Spuren des film direct. Sein Durchbruch kam mit „Rocker“ (1972), einer Hymne auf den Hamburger Kiez. Die Siebziger waren seine Zeit, mit „Amore“ begründete er die Schwabinger Milieukomödie, die Achtziger waren von Drogen verschattet. Er ist jetzt über siebzig und treibt weiter die Spiele der Jugend, Jahr für Jahr ein bis zwei Filme, manchmal geht der Pakt mit der Spontanität nicht auf, jeder zweite Film wird abgebrochen.

Woher diese rastlose Energie? Dahinter steht eine Lebensform. Während der Drehzeit herrscht eiserne Disziplin. Kein Sex im Team, wenig essen, das hält in Spannung. Der Drehort wird spontan mitgeteilt, das heißt pausenlose Bereitschaft. Wer unpünktlich ist, fliegt raus. Auch Lemke erlegt sich Askese auf. Verzicht auf Alkohol und Drogen, jeden Tag um fünf Uhr aufstehen und die Phantasie ankurbeln. Aus Ideen wird in dieser Zeit ein System, werden Sätze, Drehorte, Szenen. In seinem Appartement hängt die Wand voller Zettel, auf dem sich der Plot fortschreibt.

Die Authentizität endet beim Marketing, das Lemke, wie alles andere, selbst übernimmt. Jetzt tigert er in der Rosenthaler Straße herum, er fletscht die Zähne und spuckt Sätze wie Schlagzeilen aus. Er hat ein Motiv, und er will es erklären. Raus aus dem Gefängnis der Selbstinszenierung, Erlösung vom Fluch des ewigen Besserwerdens, das wolle er mit seinen Filmen, weg von der Veredelungsmechanik, die in allem steckt. „Plötzlich spürt man das Herz wieder.“ Dahin kann nur ein Weg führen, notwendig ein ungrader: Man müsse sich von einer Katastrophe in die nächstgrößere retten, nicht glauben, man könne in seinem Leben aufräumen, eine zerbrochene Wirklichkeit ist die Bedingung, um frei zu sein.

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