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„Ein Dorf wehrt sich“ bei Arte : Überleben unter Tage

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Im Berg: Johann (Gerhard Liebmann, Mitte) und Sepp (Fritz Karl, rechts). Bild: © ZDF/Bernd Schuller

Gabriela Zerhau hat aus der Rettung des Berges durch die Dörfler von Altaussee keine Heldengeschichte gemacht: „Ein Dorf wehrt sich“ erzählt vom mühsamen Widerstand einer Gemeinde gegen die Vernichtungswut der Nazis.

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          An den Gesprächen im Dorf beteiligt sich Sepp Rottenbacher (Fritz Karl) kaum. Er steigt bedächtig tief hinab in die verzweigten Stollen des Ausseer Salzbergwerks. Ein friedlicher dunkler Ort, trotz schroffer Felswände und steter Gefahr der Natur weniger gespenstisch als das kriegerische Menschenwerk über Tage, das, getrieben von Endsieg-Hybris, den allumfassenden Untergang plant.

          Im Berg, der im Inneren so erhaben wirkt wie mit Gipfelsicht, ist Rottenbacher fern vom antihumanen Lärm der Zeit, entfernt vom Morden und Vernichten und vom Fischmeisterdienst bei Hitlers Elite, die längst aus Wien geflohen ist und in Landsitzumgebung zur falschen Jahreszeit sich noch die einst unschuldige Sommerfrischenentspannung angeeignet hat. Im Innern des Bergs muss Rottenbacher keine Saiblinge zur Angelbelustigung von Gestapo-Chef Kaltenbrunner (Oliver Masucci) finden, er muss nicht bei der Einlagerung in ganz Europa zusammengestohlener Raubkunst helfen, mit der der Führer angeblich ein Riesenmuseum in Linz plant, und er muss keinen unbewegten Blick mehr auf die osteuropäischen, halbverhungerten und zerlumpten Zwangsarbeiter werfen, die beim Gesteinsabbau schuften.

          Auch die elegant kokettierende Gattin einer Nazi-Größe (Verena Altenberger) fällt aus dieser Welt unter Tage. Rottenbacher misst den Wasserstand im großen unterirdischen See mit gemessenen Bewegungen, führt seine Listen, umgeben von der gewaltigen Schönheit einer riesigen Kaverne. Stumm. „Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte“, so sagt es ein vor dem „Anschluss“ von 1938 verstorbener österreichischer Dichter.

          Antigone, die ihren Bruder zu Grabe trägt

          Es ist Ende April 1945. Das Radio bringt bald die Nachricht vom Tod des Führers. Die Amerikaner rücken täglich näher. Immer neue Informationen von befreiten Konzentrationslagern machen die Runde. Im Dorf ist alles beim Alten und die Lage angespannter denn je. „Bei uns haben sie sich versteckt, die braunen Horden“, spricht Rottenbacher aus dem Off, „nur im Berg war es still.“ Seine unausgesprochene Devise heißt: überleben um jeden Preis. Sepp Rottenbacher, den Fritz Karl lange Zeit fast wortlos und mienenausdrucksstark spielt, ist ein Mitläufer. Schon als Kind, so zeigen es schwarzweiße Rückblenden, die Jugendfreundschaft und Heimatgefühl in eins blenden, hat er die andere Wange hingehalten.

          Franz Mitterjäger (Harald Windisch, rechts) redet ernst auf Sepp Rottenbacher (Fritz Karl) ein.

          Die ORF-ZDF-Koproduktion „Ein Dorf wehrt sich“ macht tatsächliche Begebenheiten aus den letzten Tagen vor Österreichs Unabhängigkeitserklärung und der Kapitulation des „Tausendjährigen Reichs“ zum Thema. Ein Teil der Handlung dreht sich um die gelungene Rettung zentraler Kunstschätze des Abendlandes, deren Bombenzerstörung der Linzer Gauleiter August Eigruber (Philipp Hochmair als absurd-gefährlicher Nazi-Kasper) ganz zum Schluss plante. Zusammen mit Tausenden versteckten Bildern und Skulpturen, mit Caravaggios, Rembrandts, Michelangelos und van Goghs sollte der gesamte Berg gesprengt werden, gegen den Führerbefehl und den eigennützigen Einspruch des örtlichen Direktors Waldstetter (Francis Fulton-Smith).

          Gabriela Zerhaus Drehbuch und Inszenierung machen aus der Rettung des Berges durch die Dörfler von Altaussee dabei keine Helden- und Triumphgeschichte. Die Rettung der Kunst als Faustpfand des Humanismus, wie etwa in Alfred Anderschs „Sansibar oder der letzte Grund“, steht weniger im Vordergrund als eine Reminiszenz an Antigone, die ihren Bruder zu Grabe trägt. Die Verweigerung des christlichen Begräbnisses für den von der Gestapo erschossenen Jugendfreund Franz Mitterjäger (Harald Windisch) führt in „Ein Dorf wehrt sich“ endlich zum Widerstand Rottenbachers, dem sich viele anschließen. Dessen hochschwangere gewissensfeste Witwe Elsa (Brigitte Hobmeier ) versorgt weiter Deserteure, versteckt im Hochwald, der vom „Volkssturm“ – bestehend aus zwei alten Männern in Joppe – durchkämmt wird.

          Der Film, von Carsten Thiele mit wuchtigen Bergpanoramen und manch kargen, fast minimalistischen Interieursbildern filmisch gestaltet (Szenenbild Bertram Reiter), schildert zwar gewissenhaft Historisches, kann aber auch als Lektion für die Gegenwart gelten. Die Raubkunst wird am Ende in dramatischer Aktion vor der Zerstörung gerettet. Ihre Rückgabe ist freilich bis heute nicht abgeschlossen, und über die allgemeine Humanitätsentwicklung mag man sich nicht allzu große Hoffnungen machen.

          Die Sabotierer der Bombensprengung habe man „noch lange Verräter geschimpft“, berichtet Rottenbacher zum Schluss, als das Weißwaschen in vollem Gange ist. Gewidmet ist der Film, der seine Nazi-Figuren eher eindimensional erscheinen lässt, um die Differenzierungen für seine „stillen Helden“ zu sparen, denjenigen historischen Figuren, die „den gefahrvolleren Weg wählten und sich der Gewalt widersetzten“. Zerhaus Film ist auch ein – lange überfälliges – Denkmal für die Altausseer. Andererseits gibt er auf einer wortloseren Ebene und vor allem anderen in Brigitte Hobmeiers pathosfreiem Spiel ein Bild zeitloser Sittlichkeit.

          Ein Dorf wehrt sich läuft heute um 20.15 Uhr bei Arte.

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