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Ein Abschied von Al Dschazira : Vergiss, was du gesehen hast!

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Der Sender habe die Bilder nicht ausgestrahlt, weil sie einen bewaffneten Aufmarsch zeigten, der nicht zur gewünschten Geschichte eines friedlichen Aufstands passte. „Meine Vorgesetzten sagten mir, vergiss, was du gesehen hast!“, schrieb Hashem an Rola laut Veröffentlichung. Diese soll geantwortet haben, es ergehe ihr nicht besser. Man habe sie „massiv gedemütigt, nur weil ich den Sprecher der oppositionellen Muslimbrüder in Syrien, Zuhair Salem, bei einer Nachrichtensendung durch meine Fragen in Verlegenheit brachte. Man drohte mir damit, mich von Interviews in Sachen Syrien auszuschließen und nur noch die Nachtschichtnachrichten präsentieren zu lassen, unter dem Vorwand, ich würde die Ausgewogenheit des Senders gefährden.“

Fehler werden zum Programm

„Erwünschte“ und weniger erwünschte Bilder? Strafen für „zu kritische“ Interviews? Bei Al Dschazira? Hier muss gesagt werden, dass im Propagandakrieg zwischen den Anhängern und den Gegnern des syrischen Regimes im Internet alles möglich ist, auch Lug und Trug, wie die Monate seit dem Ausbruch des Aufstandes Mitte März 2011 gezeigt haben. Die Regimeanhänger wollten zeigen, dass die Aufständischen nur „bewaffnete Banden“ sind. Die Regimegegner wollten zeigen, dass Gewalt nur von der syrischen Armee ausgeht. Deswegen fragte ich Ali Hashem, ob die Geschichte stimme. Seine Antwort war vernichtend: „Doch, es stimmt. Das sind wirklich meine E-Mails mit Rola. Ich weiß nicht, was ich nun machen soll.“ Einige Tage später wusste er es. Ali Hashem ging.

Gehen ist das Einzige, was einem bleibt, wenn die Fehler - die es immer wieder im schnellen Nachrichtengeschäft gibt - zum Programm werden, wenn sie nicht mehr als Fehler erkannt, behandelt und geahndet werden. „Das Ganze muss Folgen haben. Was machen wir, wenn der Vorgesetzte, der zu Ali sagte, er solle vergessen, was er gesehen hat, einem von uns eines Tages sagen würde: Vergiss, dass die Hand fünf Finger hat! Hat die Hand dann mehr oder weniger Finger je nach Bedarf und Laune des Vorgesetzten?“, schrieb ich im Al-Dschazira-Talkback, einer internen Plattform nur für Mitarbeiter. Keine Reaktion.

Interne Diskussionen waren bei Al Dschazira nicht mehr angesagt. Der Vorgang blieb kein Einzelfall. Im Gegenteil: Er machte Schule. Schnell wurde für die Mitarbeiter klar: Hier geht es um Politik, nicht um Journalismus. Genauer: um qatarische Außenpolitik, die subtil angefangen hatte, Al Dschazira als Instrument einzusetzen, um Freunde zu preisen und Gegner anzugreifen.

Aus einer Geisel wird ein Überläufer

Es war nicht der erste Zwischenfall. Als der Japan-Korrespondent von Al Dschazira, Fadi Salameh, Ende 2011 für einen Monat in der Zentrale in Qatar aushelfen sollte, fragten ihn Kollegen, wie er als Syrer die Berichterstattung zu Syrien finde und empfinde. Er antwortete ausweichend mit etwas wie: So lala. Wieso? Er sagte, man nehme es mit der Genauigkeit leider nicht mehr so ernst, wie es sich gehöre, und erzählte von seinem Cousin, der auf dem Bildschirm des Senders einige Tage zuvor in einem Video als Überläufer des syrischen Militärs zu sehen war. Dieser soll angeblich in der kurzen, von den Rebellen ins Internet gestellten Aufnahme die Seite zur „Freien Syrischen Armee“, also zu den Rebellen, gewechselt haben.

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