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Moskaus Medienpolitik : Das ist ganz im Sinne Putins

Für ihn läuft es blendend, je weniger kritische Medien übrig bleiben: Wladimir Putin. Bild: dpa

Russlands neues Mediengesetz treibt ausländische Verlage aus dem Land. Auch Springer musste seine Titel verkaufen. Der neue Eigentümer, Alexander Fedotov, stellt Zeitschriften ein und zieht dem kritischen Magazin „Forbes Russia“ den Zahn.

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          Als im September bekannt wurde, der Springer-Verlag verkaufe seine Russland-Sparte, schien es noch Hoffnung zu geben. Der Käufer, die Artcom Media des russischen Verlegers Alexander Fedotow, sollte Springer alle Anteile abnehmen und zwanzig Prozent an Regina von Flemming weiterverkaufen, die bisherige Vorstandsvorsitzende von Springer Russia. Sie sollte als Teilhaberin und Beraterin dafür bürgen, dass die redaktionelle Arbeit wie bisher weitergeht. Sie sollte, wie sie seinerzeit dieser Zeitung sagte, für „Kontinuität und Stabilität“ stehen. Im Dienste der Pressefreiheit, um die es in Russland ohnehin nicht gutsteht.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Der Verkauf war nur nötig geworden, weil ein Gesetz zum Schutz von Russlands „Souveränität“ den Anteil von Ausländern an russischen Verlagen von 2016 an auf zwanzig Prozent beschränkt. Fedotow zahlte laut der Zeitung „RBK daily“ „nicht mehr als sieben Millionen Dollar“. Der Verleger stand nicht in dem Ruf, kremlnah zu sein, Artcom Media gab Lifestyle-Titel heraus. Inzwischen ist klar, was Fedotow anstrebt. Die Springer-Russia-Titel „Geo“, eine auf Kinder abzielende Version der Zeitschrift, und „Gala Biografia“ werden eingestellt. Besonderes Aufsehen indes erregte Fedotows Äußerung über „Forbes Russia“, das Flaggschiff von Springer Russia. Die in Lizenz des amerikanischen Mutterhauses herausgegebene Zeitschrift verstand es, die Eitelkeit der Reichen zu bedienen, aber auch über ihre notorischen Seilschaften und Einkünfte zu berichten; so ist sie zu einer Institution in Russland geworden.

          Fedotow versprach zwar, sich nicht in die Redaktionsarbeit von „Forbes Russia“ einzumischen, entwertete dies aber mit dem Zusatz, die Zeitschrift solle sich mit „Business und Wirtschaft“ befassen. „Forbes“ sei „in Russland ein bisschen zu politisiert“. Er sei überzeugt, dass sich „unsere Leser“ nicht vordringlich für Politik interessierten. Artcom Media betreibe keine Politik, man werde „politisches Gebiet“ meiden. Das klang nach Stillhaltepakt im Geiste von Wladimir Putin: Geld, Luxus und Lifestyle sind okay, politische Fragen nicht.

          Dabei sind sie dringlicher denn je. Während die Bevölkerung ärmer und über das Machtinstrument Fernsehen auf „orthodoxe Werte“ sowie angebliche westliche Bedrohungen eingeschworen wird, genießt die Elite westlichen Lebensstil. Ein aktuelles Beispiel ist Putins Sprecher Dmitrij Peskow, der in seinen Flitterwochen ausweislich von Fotos in sozialen Medien an Bord einer Luxusyacht vor Sardinien kreuzte (er selbst beteuerte, er sei in einem Hotel auf Sizilien). Gegen den Putin-Wegbegleiter Igor Setschin vom Staatsölunternehmen Rosneft hatte „Forbes“ 2014 einen Rechtsstreit um die Höhe seiner Einkünfte verloren. Befragt, ob solche Berichte künftig Platz bei „Forbes“ hätten, sagte Fedotow, er sei überzeugt davon, dass sich die Leser „nicht für die Gehälter von Beamten interessieren“. An die Adresse Regina von Flemmings gerichtet, sagte er, es gebe „keinerlei endgültiges Abkommen“ mit ihr. Kurz darauf informierte sie über ihren Rücktritt. In elf Jahren bei Springer Russia habe sie gute und schwierige Zeiten gehabt, langweilig sei es nie gewesen, zitiert „RBK daily“ eine Erklärung. Am vergangenen Mittwoch war von Flemmings letzter Arbeitstag. Der amerikanische „Forbes“-Verlag äußert sich auf Anfrage zurückhaltend: Man sei überzeugt, dass man mit einem Partner zusammenarbeite, der die bisherigen Qualitätstandards beibehalte.

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