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Eduard Zimmermann gestorben : Ihm war es ernst

Eduard Zimmermann 1929 - 2009 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Aufklärer ohne Voyeurismus: Eduard Zimmermann, der mit der Fahndungssendung „Aktenzeichen XY“ fast zu einer ordnungsstaatlichen Institution wurde, ist im Alter von achtzig Jahren in München gestorben.

          Es gibt wenige im deutschen Fernsehen, die so gefährlich leben, wie Eduard Zimmermann es tat. In den siebziger Jahren, zu den Hochzeiten der RAF, stand er auf der Abschussliste der Terrorgruppe und unter Polizeischutz. Man mochte denken, dass er sich zeitlebens in Gefahr begab, schließlich hat er mit der von ihm erfundenen Sendung „Aktenzeichen XY. . . ungelöst“ in dreißig Jahren allein 568 des Mordes Verdächtige dingfest gemacht, nicht zu vergessen die mehr als tausend des Raubes, Betruges und Einbruchs Verdächtigten. 42 Prozent der Fälle, bei denen die Polizei nicht weiterkam, sollen aufgrund der Fernsehfahndung aufgeklärt worden sein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bevor Eduard Zimmermann in den sechziger Jahren zu einer bürgerlichen, quasi ordnungsstaatlichen Institution des Fernsehens wurde, saß er als junger Mann selbst einmal im Gefängnis. 1949 war er als Reporter im Auftrag einer schwedischen Zeitung in die DDR gefahren, um über die dortigen Verhältnisse zu schreiben. Er wurde unter Spionageverdacht festgenommen und zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt. Viereinhalb Jahre saß er in Bautzen ab, am 17. Januar 1954 kam er frei - den Tag sollte er sich als seinen zweiten Geburtstag notieren - und setzte sich alsbald in den Westen ab. Er arbeitete als freier Journalist, wurde Redakteur des Norddeutschen Rundfunks und kam 1962 zum ZDF.

          Seine persönliche Erfahrung beim Kauf eines Schwedenhauses - das ohne Dach geliefert worden war - brachte ihn auf die Idee zu seiner ersten Sendung „Vorsicht Falle!“, die von 1964 an zeigte, mit welchen Tricks „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ ihre Opfer hereinlegten. Am 20. Oktober 1967 feierte dann die Sendung Premiere, die auch in ihrem vierzigsten Jahr noch läuft und drei Jahrzehnte lang von ihrem Gründer geprägt wurde: „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“. Bis zu dreißig Millionen Zuschauer erreichte die Fernsehfahndung, Marktanteile von an die achtzig Prozent, schon die erste Ausgabe führte zu Festnahmen; nach dem Fall „Dr. Boll“ im Juni 1968, bei dem es gelang, den Mörder zu ermitteln und in der Nacht der Ausstrahlung noch festzunehmen, war Zimmermann endgültig ein Begriff.

          Kein Voyeur, kein Missionar

          Die von ihm erdachte Fernsehsendung war zwar Unterhaltung - die bis in die achtziger Jahre hinein von ideologiefesten Linken als „Aufruf zum Denunziantentum“ denunziert wurde, Heinrich Böll nannte sie gar ein „muffiges Grusical für den Spießer“. Doch bezog sie ihren abstoßenden Reiz aus dem Wissen, dass das - lange Zeit bieder und hölzern - Dargestellte eben keine Fiction, sondern Beschreibung der Realität war. Mit Sätzen wie „Noch kann er nicht wissen, dass . . .“ kündigte sich ein Unheil an, das gleich hinter dem Gartenzaun lauerte. Bei der Schilderung dessen ging Zimmermann stets jener Voyeurismus vollständig ab, mit dem Verbrechen heute zu Unterhaltungszwecken aufbereitet werden.

          Zimmermann war es ernst, er verstand sich als Aufklärer, er zeigte eine Realität, die bedrohlich und politisch nie korrekt, aber auch nie mehr als das war - kein doppelter Boden, kein Chichi. Wenn Zimmermann, dem auch alles Missionarische fremd war, eines mit Vehemenz in den Blickpunkt rücken wollte, dann waren es allein - die Opfer der Straftaten. 1976 gründete er die Opferhilfevereinigung Weißer Ring, bis 1994 saß er ihr vor. Geboren wurde Eduard Zimmermann am 4. Februar 1929 in München. In seiner Geburtsstadt ist er am Samstag im Alter von achtzig Jahren gestorben.

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