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„Edit-War“ auf Wikipedia : Die Lotsen bleiben an Bord

  • -Aktualisiert am

Die Gorch Fock im Januar, besucht von einer Untersuchungskommission Bild: REUTERS

Wikipedia, kürzlich zehn Jahre alt geworden, ist bei der digitalen Kanonbildung längst federführend. Wie hart hier der Kampf um Meinungshoheit oft ausgefochten wird, lässt sich am aktuellen Fall der Gorch Fock studieren.

          Wissen ist Macht. Das wusste schon der chinesische Kaiser Yongle. Im Jahr 1403 entsandte er Tausende von Gelehrten in jeden Winkel seines Reiches. Ihr Auftrag: Informationen aus allen Wissensbereichen zusammenzutragen – von Kunst bis Medizin, von Religion bis Landwirtschaft. Am Ende der fünf Jahre währenden Recherche waren 23.000 Schriftrollen zusammengekommen. Bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts galt die chinesische Enzyklopädie als umfassendste der Welt. Dann kam Wikipedia.

          Vor zehn Jahren haben der ehemalige Investmentbanker Jimmy Wales und der Philosoph Larry Sanger das Online-Lexikon ins Leben gerufen. Das Konzept eines kollektiv erstellten Nachschlagewerks war ein Traum aus der Pionierzeit des World Wide Web. Als der Informatiker Rick Gates 1993 den Vorschlag machte, die offene Struktur des Internets zum Aufbau eines gemeinschaftlichen Lexikons zu nutzen, war die Netzgemeinde überschaubar und idealistisch. Es gab kein Google, kein Amazon, Mark Zuckerberg besuchte noch die Grundschule.

          Der hell erleuchtete Winkel des Internets

          Den gemeinnützigen Charakter scheint sich Wikipedia bewahrt zu haben. Gewinn wirft das Projekt bis heute nicht ab, zumindest keinen finanziellen. Und das, obwohl Wikipedia auf Platz acht der meistbesuchten Websites steht. Allein in Deutschland wird die Seite täglich 33 Millionen Mal aufgerufen. Einzige Einnahmequelle sind die Spenden, zu denen Jimmy Wales persönlich aufruft, wie jeder Nutzer in den vergangenen Wochen – zuweilen entnervt – feststellte.

          Kanoninsierungsinstanz des Internets: Wikipedia

          Die Macht von Wikipedia ist folglich keine, die sich in Dollars messen ließe, sie ist kultureller Natur. Und sie wächst von Tag zu Tag, mit jedem neuen Artikel. Siebzehn Millionen Einträge sind es gegenwärtig. Jeder, der die Seite aufruft, sieht die Welt durch die Brille von Wikipedia. Die aufgeführten Informationen zu einem Begriff formen das Bild, das bei den Lesern entsteht, oder negativ formuliert: Was nicht bei Wikipedia steht, bleibt meist unterhalb der Wahrnehmungsgrenze, verborgen im toten Winkel des Internets. Die Hälfte aller Klicks kommt von Google, was bedeutet, dass die Recherche häufig direkt zu Wikipedia führt. Und vermutlich auch dort endet.

          Inklusionisten versus Exklusionisten

          Zu der Frage, was bei dem in mindestens 257 Sprachen vorliegenden Nachschlagewerk gefunden werden soll und was nicht, haben sich zwei Lager gebildet: Auf der einen Seite stehen die Inklusionisten. Sie sehen in der digitalen Natur des Lexikons den Auftrag, so viele Informationen wie möglich aufzunehmen. Schließlich begrenzt kein Bücherregal die Zahl der Lemmata. Weitergedacht bedeutet das: Wie in Borges’ Erzählung von der Karte im Maßstab 1:1 fiele Wikipedia irgendwann mit der Welt zusammen. Und würde dadurch vielleicht obsolet.

          Ihnen entgegen treten die Exklusionisten: Für sie steht die Frage nach der Relevanz im Mittelpunkt. Warum ein Begriff wichtig genug ist, um Eingang in die Enzyklopädie zu finden, ist mehr oder weniger streng geregelt. So kann ein Dorf Erwähnung finden, wenn es auf einer Landkarte eingezeichnet ist, ein Koch muss mindestens einen Michelin-Stern besitzen. Ein Schriftsteller, der zwei Bücher veröffentlicht hat, darf hinein, der Debütant muss draußen bleiben.

          Kanon des Vertrauens

          Diese Beschränkung hat dazu geführt, dass ein Wikipedia-Eintrag heute als Ausweis individueller Bedeutsamkeit gilt – die Journalistin Jennifer Ablan bezeichnet ihn gar als das Statussymbol unserer Zeit. Umso härter trifft es die derart Geehrten, wenn sie wieder aus dem digitalen Kanon gelöscht werden. Oder wenn Informationen oder Behauptungen über sie auftauchen, die sie gern entfernt sähen. Dies ist im Übrigen ein fast aussichtsloser Wunsch. Auch für die deutschsprachige Version gilt amerikanisches Recht, und das besteht auf dem ersten Zusatzartikel zur Verfassung – es herrscht Meinungsfreiheit.

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