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Gespräch mit Edgar und Titus Selge : Geschieht das alles nur in seinem Kopf?

Frankreich als islamische Republik würde François ganz neue Möglichkeiten eröffnen: Edgar Selge als Houellebecqs Romanheld. Bild: rbb/NFP/Stephanie Kulbach

Edgar Selge feierte mit der Rolle des François aus Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ am Theater einen großen Erfolg. Sein Neffe Titus Selge hat daraus einen ARD-Film gemacht. Was inszenieren die beiden?

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          In seinem Roman „Unterwerfung“, der am Tag des islamistischen Attentats auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ erschien, entwirft Michel Houellebecq die Dystopie einer islamisierten Republik Frankreich, in der sich Intellektuelle wie die Hauptfigur François der neuen Ordnung unterwerfen. Am Hamburger Schauspielhaus treten Sie, Edgar Selge, seit zwei Jahren als François auf, in einer Inszenierung von Karin Beier, die den Roman in einen fulminanten Monolog verwandelt hat. Nun haben Sie, Titus Selge, für die ARD eine Fernsehfassung inszeniert, mit Ihrem Onkel in der Hauptrolle. Eine Rahmenhandlung, in der er sich selbst spielt, führt zu Szenen aus der Theateraufführung und leitet über zu Spielfilmszenen, der eigentlichen Romanhandlung. Nimmt diese metafiktionale Zwiebelstruktur Houellebecqs Erzählung nicht die Schärfe?

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.
          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Titus Selge: Ich finde nicht, dass das eine Zwiebel ist. Es ist eine Geschichte, die von einem Schauspieler handelt. Wir sehen, wie er zur Arbeit geht und spielt, dann springen wir in seinen Kopf und sehen, was er erzählt. Das Hin und Her zwischen Bühne und Film verdichtet sich, bis die Grenzen verschwimmen.

          Sie hätten aber auch einfach eine Spielfilmadaption des Romans drehen können. Warum gehen Sie auf verschiedene Fiktionalitätsebenen?

          Titus Selge: Weil es Spaß macht und einen erzählerischen Mehrwert hat. Die verschiedenen Ebenen bringen unterschiedliche Stärken des Textes zum Vorschein. Der Text hat eine hohe sprachliche Qualität. Die kann man besser wahrnehmen, wenn man ihn auf der Bühne erzählt bekommt. Die emotionale Seite der Figur François erlebt man dagegen unmittelbarer im Spielfilm.

          Edgar Selge: In seiner Abstraktheit kann das Theater die Ironie des Textes besser transportieren. Der Film hingegen ist naturalistisch, psychologisch und emotional. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Francois über eine seiner Geliebten, Aurélie, machistische Witze reißt, sehen wir ihn auf der Bühne, wie er sich hinstellt und die Lacher auf seiner Seite weiß. Die Filmszene zeigt in der gleichen Situation einen Mann, der betrübt seinen eigenen erschlafften Körper im Spiegel betrachtet. Das Wechselspiel der Ebenen hinterfragt, warum jemand seine Geschichte erzählt, wie François es tut, und welche erlebte Situation dahintersteht. Und noch etwas wird gewonnen: Das Bewusstsein dafür, dass wir es hier mit einer fiktiven Geschichte zu tun haben. Mit Spiel, Modellen, Parabeln.

          Im Film wird der Schauspieler auf dem Weg zum Theater von drei jungen, migrantisch aussehenden Männern angetanzt. Er glaubt, sie hätten ihm das Portemonnaie gestohlen. Anschlagsangst entsteht. Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf. Weshalb diese Rahmenhandlung?

          Edgar Selge: Sie ist notwendig, weil man im Fernsehen deutlich machen muss, welche Haltung man selbst dem Roman gegenüber einnimmt. Das Theater kann es sich leisten, die Bewertung dieses Stoffes, der so viele Phobien berührt und jeden abholt, wo er sich mit seinen Ängsten gerade befindet, dem Zuschauer zu überlassen. So sehen es Karin Beier und ich in Bezug auf den Theaterabend. Das ist durchaus unterschiedlich von der Kritik aufgenommen worden. Bei der Fernsehverfilmung muss man vorsichtiger sein.

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