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Echo-Verleihung : Wir verbrennen unsere Lieblingsplatten

  • -Aktualisiert am

Willkommen zu den Helene-Fischer-Festspielen: Das Elend der deutschen Popmusik (Symbolbild) Bild: AP

Die deutsche Popmusik-Branche feiert beim „Echo“ ein Fest der Biederkeit – und zwar mit voller Absicht. Ist jetzt eine Quote gegen die Diskriminierung von internationalen Stars und von Jugendkultur nötig? Es sieht so aus.

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          Barbara Schöneberger wusste offenbar schon, was den Zuschauern blühte, als sie die Preisverleihung als „Helene-Fischer-Festspiele“ anmoderierte. Helene Fischer erhielt gleich vier Echo-Prämien. Sie wurde nicht nur zur Königin der Sparte „Schlager“ gekürt, sondern gewann auch in den Kategorien „Album des Jahres“, „Hit des Jahres“ und „Musik-DVD/Blu-Ray national“. Der Gipfel zeitgemäßer Popmusik ist nach Ansicht der Mitglieder des deutschen Bundesverbandes Musikindustrie Helene Fischers Lied „Atemlos durch die Nacht“. Das Stück handelt vom Tanzen bis zum Morgengrauen in mondänen Cocktailbars als Vorspiel zum Sex. Die House-Rhythmen dazu sind allerdings so unerotisch und gestrig, dass man eher an einen gemeinsamen Frühjahrsputz alter Nachbarn mit Sekt und Kuchen denken muss.

          Ethnopop ist doch mal was Neues

          Echos für Herbert Grönemeyer und für „Unheilig“ überraschen auch nicht gerade. Als Abwechslung erscheinen in dieser Gesellschaft wenigstens die beiden Preise für das Musikprojekt Oonagh: Kitschigen Ethnopop, der indianische Flötenklänge rücksichtslos-beliebig mit nordischen Mythen verbindet, hatten wir länger nicht mehr. Senta-Sofia Delliponti, die Sängerin von Oonagh, ist zwar aus Casting-Show- und Daily-Soap-Formaten des Privatfernsehens bekannt, aber immerhin ist sie so originell, nicht nur auf Deutsch, sondern auch in der Fantasiesprache Elbisch zu texten. Außerdem erschien sie barfuß.

          Deutschland ist eigentlich einer der wichtigsten Märkte für Popmusik. Aber zu den amerikanischen Grammys verhalten sich die Echos in etwa wie die „Lindenstraße“ zu „House of Cards“. Quälend unglamouröse dreieinhalb Stunden lang werden in mehr als dreißig Kategorien hektische Ankündigungen, Spannungspausen, Dankesworte und Auftritte abgespult. Alles in allem eine hoffnungslos provinzielle Werbeveranstaltung für Musik aus deutschen Landen, die die ARD live aus den Berliner Messehallen überträgt. Ein Wunder, dass nicht auch noch die Angestellten eines Hamburger Einkaufszentrums („Handelspartner des Jahres“) auf die Bühne gebeten wurden.

          AC/DC danken den „Germans“

          Ein paar internationale Gäste waren auch im Saal. Der Schlagzeuger Nick Mason nahm für Pink Floyd eine Echo-Skulptur entgegen. Nile Rodgers, seit den siebziger Jahren Produzent für bestens verkäufliche, aber trotzdem elegante Disco-  und Popmusik von Chic, David Bowie oder Madonna, der unlängst mit Daft Punk ein tolle Platte gemacht hat, durfte jemanden ansagen. Die australischen Hardrocker AC/DC bedankten sich für ihren Preis per Video, wobei Brian Johnson tänzelnd irgendetwas über die „Germans“ sang. Lustig und nett. Das waren aber auch beinahe die einzigen Programmpunkte, bei denen kulturell bedeutsame, globale Musikgeschichte durch die Halle wehte. Einige internationale Neulinge spielten live, zum Beispiel der Brite James Bay. Der sah mit Hut und Motorradjacke aus wie ein verwegener Erneuerer des rohen Garagenblues, bot aber nur Kuschelrock, wie man ihn ständig im Autoradio hören kann.

          Man könnte nun vermuten, dass die Echo-Veranstalter einfach keine Popstars von internationalem Rang als Gäste bekommen haben. Tatsächlich aber sind diese offenbar gar nicht gewollt. Die Nominierungen für den Echo erfolgen nämlich ausschließlich anhand der Absatzzahlen für Tonträger und Downloads des vergangenen Jahres. Die Grammys werden dagegen ausdrücklich aufgrund kultureller Relevanz vergeben, wobei kommerzielle Erwägungen sicherlich auch dort eine Rolle spielen. „Sieben der zehn erfolgreichsten Alben im Jahr 2014 stammen von deutschen Künstlern“, heißt es auf der Internetseite des Bundesverbands Musikindustrie. Die am häufigsten gekaufte Single jedoch, nämlich „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer, „hatte im Radio weniger gute Karten: Sie findet sich nicht einmal unter den 25 meistgespielten Titeln der Radiosender“, schreibt der Verband mit vorwurfsvollem Unterton. Insofern lässt sich die Echo-Verleihung als Hilfsprogramm für deutsches Liedgut deuten. Nur sieben Preiskategorien sind international verfasst.

          Barbara Schöneberger spottet

          Es fragt sich, wie all die Leute Musik konsumieren, die sich für internationale, eventuell sogar innovative Künstler aus Pop, Hip-Hop oder Dance interessieren als für Schlager und Deutschrock. Streamen oder raubkopieren die nur noch? Eine besonders umworbene Zielgruppe der hiesigen Musikbranche sind sie jedenfalls nicht. Während früher mehr heimische Musik im Radio gefordert wurde, ist für den Echo das Gegenteil zu wünschen.

          Unterhaltsam war bei der Verleihung nur der Spott von Barbara Schöneberger. Besonders schön sagte sie die Gruppe Revolverheld an. Die spielte ein Liebeslied, das den Verzicht auf interessante Musik geradezu programmatisch verkündet: „Ich lass für dich das Licht an, / obwohl’s mir zu hell ist. / Ich hör mit dir Platten,/ die ich nicht mag. / Ich würde meine Lieblingsplatten / sofort für dich verbrennen.“ Der Text klinge eher nach Pantoffelheld als nach Revolverheld, sagte Barbara Schöneberger.

          Letzte Hoffnung Ghetto-Rap

          Künstlerisch blieb als letzte Hoffnung auf Abwechslung ausgerechnet die rein national besetzte Sparte „Hip-Hop/Urban“. Deutschsprachiger Ghetto-Rap klingt zwar ebenfalls provinziell, aber immerhin versprachen orthographisch eigenwillige Titel wie „Killa“ oder „FVCKB!TCHE$GETMONEY“ einen kurzen Ausbruch aus der musikantenstadlhaften Atmosphäre. Der Gewinner Kollegah dankte dann aber auch nur seiner Mutter.

          Vielleicht hatte diese Zurückhaltung mit dem Flugzeugabsturz zu tun, bei dem 150 Menschen ums Leben kamen – das bestimmte auch den Beginn der Show: Die Violinistin Lindsey Stirling spielte zu einer Gedenkminute auf. Außerdem wurden in eine Galerie verstorbener Pop-Größen kurzerhand die beiden nicht näher vorgestellten Opernsänger aufgenommen, die bei dem Absturz umgekommen sind. Danach ging es hastig und heiter weiter im Programm.

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