https://www.faz.net/-gqz-9q7sd

Komödie im Ersten : Dorfsheriff Eberhofer im „Sauerkrautkoma“

Kein Fan von München: Dorfpolizist Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel, rechts) in Aktion. Kompagnon Rudi (Simon Schwarz, links) schaut zu Bild: ARD Degeto/BR/Constantin Film/Be

Die ARD füllt ihre Sommerpause mit „Sauerkrautkoma“, und das ist ein Glück. In der fünften Verfilmung der Provinzkrimi-Reihe von Rita Falk löst der Eberhofer Franz Kapitalverbrechen mal wieder ganz nebenbei.

          Rudi Birkenberger war gewarnt. Aber er musste sich von dem Kraut, das sein Kumpel Franz Eberhofer nach Omas Rezept gekocht hat, ja unbedingt einen ganzen Berg aufladen. Jetzt bekommt er die Konsequenzen zu spüren. Jammernd liegt er auf dem Sofa, krümmt sich vor Bauchschmerzen und fürchtet, der von Franz herbeigerufene Gerichtsmediziner wolle ihn mit brachialer Medizin vor dem „Sauerkrautkoma“ bewahren. Zu Rudis Glück handelt es sich nicht um eine Magen-OP ohne Betäubung, sondern um – eine Gabe Fencheltee.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Franz hat schwerwiegendere Probleme. Der Bürgermeister und sein Vorgesetzter haben für seine „Beförderung“ gesorgt, von Niederkaltenkirchen nach München. Für den heimatverbundenen Niederbayern könnte eine Strafversetzung in die Äußere Mongolei nicht schlimmer sein. Franz will nicht weg, um keinen Preis. „München kann mich am Arsch lecken“, brüllt er vor versammelter Mannschaft. Das nützt ihm selbstverständlich nichts. Bald findet er sich an einem abgeranzten Schreibtisch am Ende eines turnhallenartigen Büros im Polizeipräsidium der Landeshauptstadt wieder und muss sich von seiner „Thin Lizzy“ genannten Chefin Elisabeth Mayerhofer (Nora Waldstätten) anhören, mit seinen berühmten Alleingängen sei es nun ein für allemal vorbei.

          Verwirrendes Kindermädchen

          Sein privater Umzug ins Hinterzimmer von Rudis schaurig eingerichteter Junggesellenwohnung in München führt indes genau dazu. Es kommt wieder alles, wie es nach dem Willen der anderen nicht kommen soll: Der Eberhofer, Franz hat einen Fall. Vor Rudis Wohnung wird der Wagen seines Vaters (Eisi Gulp) gestohlen. Irgendwo im Wald findet die Polizei den Opel Kapitän schließlich wieder. Dass es in der betagten Kiste so übel riecht, hat einen Grund. Im Kofferraum liegt eine in Zellophanpapier verpackte Leiche, die Franz schnell identifiziert: das Au-pair-Mädchen des Bürgermeisters. Der war gerade noch froh, den Eberhofer los zu sein, schon sitzt ihm der nervtötende Dorfsheriff im Nacken.

          Diese „Sauerkrautkoma“ betitelten Verwicklungen gab es im vergangenen Jahr im Kino zu sehen, und dank der nicht eben kurzen Sommerpause der ARD (beim ZDF liegen sie ebenso lange in der Hängematte) läuft der Film nach dem fünften von inzwischen zehn Eberhofer-Romanen von Rita Falk nun heute Abend im Ersten. In Teil fünf der Eberhofer-Saga ist alles so regional-geerdet-verdreht wie in den Geschichten zuvor („Winterkartoffelknödel“, „Dampfnudelblues“, „Schweinskopf al dente“ und „Grießnockerlaffäre“). Sebastian Bezzel gibt den Eberhofer, Franz, von dem man nie genau weiß, ob er begriffsstutzig oder cool ist, in all seiner niederbayrischen Sturheit. Simon Schwarz ist als bester Freund Rudi nicht minder verpeilt, übermotiviert und überdreht, aber immer da, wenn er gebraucht wird (und erst recht, wenn er nicht gebraucht wird). Das gesamte Ensemble (mit Enzi Fuchs als Großmutter Eberhofer, Sigi Zimmerschied als Polizeichef, Daniel Christensen, Max Schmidt und Stephan Zinner als Franzens „next best buddies“) ist mit den Rollen fest verwachsen. Der Regisseur Ed Herzog, der mit Stefan Betz auch das Drehbuch geschrieben hat, hat in jeder Einstellung und in jedem Dialog die Komödie fest im Griff. Leerlauf, wie man ihn im fünften Teil einer solchen Geschichte denn doch erwarten könnte, gibt es nicht.

          Echte Probleme 

          In Niederkaltenkirchen ist die Welt noch in Ordnung. Es gibt eine Kirche, eine Kneipe und sogar noch einen Metzger und viel zu wenige Verbrechen. Jeder kennt jeden und alle kommen mit allen irgendwie klar. Integriert wird hier jeder, gemeinsames Sauerkrautessen wirkt, wenn man es nicht übertreibt wie Rudi, stimmungsaufhellend und gemeinschaftsstiftend, spätestens wenn Franz’ Althippievater seine Cannabis-Glimmstengel dreht.

          Dass in der Erzählung keine Langeweile aufkommt, hat auch damit zu tun, dass die Geschichte des Franz Eberhofer auf einen Höhepunkt zusteuert, der nichts mit dem Kapitalverbrechen zu tun hat, das er wie üblich so ganz nebenbei löst. Seine Freundin Susi (Lisa Maria Potthoff) ist das ewig unentschiedene ihrer On-and-off-Beziehung leid. So will sie wissen, was Franz denn so von Nachwuchs hält. Sie erwartet, dass er ihr endlich einen Heiratsantrag macht. Den versemmelt Franz angesichts des plötzlich auftauchenden Galans Karl-Heinz Fleischmann (Gedeon Burkhard), der seine Liebste umschmeichelt, so grandios, dass sogar der Bürgermeister („da geht es doch nicht um eine KfZ-Zulassung“) Mitleid bekommt.

          Doch das muss man mit diesem Eberhofer, Franz nicht haben. Er kriegt immer genau dann die Kurve, wenn man denkt, er sei schon aus dem Rennen gewesen. Die nächste Komödie fürs „Sommerkino“ der ARD kommt bestimmt.

          Weitere Themen

          Die engere Wahl

          Michael-Althen-Preis 2019 : Die engere Wahl

          Rund hundert Texte sind für den Michael-Althen-Preis 2019 eingereicht worden, der am 8. Oktober verliehen wird. Diese elf sind in der engeren Wahl.

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Kinderblicke auf Nazis

          Filmfest in Toronto : Kinderblicke auf Nazis

          Es war ein ersehnter Höhepunkt beim Filmfest in Toronto: Taika Waititis „Jojo Rabbit“ macht Hitler zum Mitwirkenden einer Komödie über die Schoa.

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.

          Zukunftsforscher : „Es wird auf jeden Fall keine zweite Greta geben“

          Greta Thunberg gilt als das Gesicht schlechthin, wenn es um den Kampf gegen den Klimawandel geht. Zukunftsforscher Matthias Horx erklärt, was die Sechzehnjährige mit Winston Churchill, Albert Einstein und Bob Marley gemeinsam hat.
          Die Botschaft der Demonstrantin vor dem Supreme Court ist klar: „Kein Parlament, keine Stimme!“

          Großbritannien : Supreme Court verhandelt über Parlamentspause

          In der Verhandlung über die Zwangspause des Parlaments hagelt es Kritik am britischen Premierminister. Der Anwalt der Hauptbeschwerdeführerin wirft Boris Johnson vor, Verfassungsgrundsätze auf den Kopf zu stellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.