https://www.faz.net/-gqz-7wdiy

Neues soziales Netzwerk „This“ : Kommt nach der Flut die Ebbe?

  • -Aktualisiert am

Statt der Raute-Taste, einfach mal den Off-Knopf drücken. Bild: dpa

Das Internet soll zu einem schöneren und besseren Ort werden. Jetzt soll ein neues soziales Netzwerk einen Ort der Konzentration bieten. Es trägt die Beschränkung aufs Wesentliche schon im Namen.

          CO₂-neutrale Suchmaschinen, Werbeblocker oder Open Source: Auch im Internet findet Weltverbesserung statt. Die einen pflanzen mit Suchanfragen Bäume, andere ersetzen Werbung durch Kunst. Jetzt rückt man auch der Reizüberflutung in den sozialen Netzwerken zu Leibe. Jeder, der sich hier tummelt, kennt das Übel: Kaum ist man eingeloggt, schon hat man den eigentlichen Grund wieder völlig vergessen. Wenn man mit Informationen im Internet überschwemmt wird, verliert man schnell das Ziel aus den Augen. Und gleichzeitig wertvolle Lebenszeit.

          Diesen Missstand, die „Lärmbelastung“ des Internets, soll nun ein neues soziales Netzwerk lindern. Es baut auf die Strategie, dass der Nutzer nur einen Post mit Verlinkung pro Tag veröffentlichen kann. Diese Fokussierung trägt es schon im Namen: „This“. Jeder Nutzer darf hier nur das Wichtigste des Tages an Andere weiterzugeben.

          This sind nicht die ersten, die von beruhigteren Orten im Internet träumen. Unlängst ist mit Ello ein weiteres Netzwerk an den Start gegangen, das sich bewusst von Facebook abgrenzt. Ello fährt zumindest optisch eine ähnlich minimalistische Linie. Auf die Fahnen und in ihr Manifest schreiben sie sich „einfach, schön und werbefrei“.

          Netzwerkaskese

          Das sind erfreuliche Entwicklungen. Für diejenigen zumindest, denen die über alle Ufer tretenden Informationsflüsse zu viel geworden sind. Und die geistigen Unrat, der sich zwangsläufig ansammelt, ablehnen. Doch was ist mit denen, die sich gerne in dem riesigen Strom an Informationen und Reizen treiben lassen? Schließlich baut die Netzkultur auf kurzweiligem Konsum auf. Internetphänomene wie Memes würde es sonst gar nicht geben. Auf This muss sich zwei Mal überlegen, wer ein niesendes Pandababy postet.

          Und weil sich niemand gleich am Morgen festlegen würde, das Wichtigste für den einzigen Eintrag des Tages schon gefunden zu haben, steht zu erwarten, dass den Tag über die Leere des Abwartens im Netzwerk herrscht. Erst abends ist mit mehr Bewegung zu rechnen. Bestenfalls mit einer Masse an interessantesten Beiträgen, die das Netzwerk - regelrecht überflutete. Dann würde sich die Idee selbst aufheben.

          Schlimmer träfe es lediglich Nutzer, die am Ende des Tages in die selbe Lage geraten wie Buridans Esel: Der steht in dem philosophischen Gleichnis zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll. So könnte die radikale Reduktion von Lärm nicht nur Ruhe, sondern gleich Funkstille verursachen. Ruhe entsteht aber auch dadurch, dass man seine elektronischen Geräte einfach mal abschaltet.

          Weitere Themen

          Nietzsche regiert im Silicon Valley

          Radikaler Humanismus : Nietzsche regiert im Silicon Valley

          Der britische Autor und Journalist Paul Mason im Gespräch über die Allianz von Elite und Mob, über Donald Trump als Rollenmodell – und darüber, warum es heute nicht genügt, Hannah Arendt zu lesen.

          Topmeldungen

          Carola Rackete bei ihrer Festnahme im Juli in Porto Empedocle

          Verfahren gegen Kapitänin : Rackete muss vor Gericht aussagen

          Im Verfahren wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Widerstands gegen ein Kriegsschiff sagt Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete an diesem Donnerstag vor Gericht auf Sizilien aus. Die Gefahr einer Inhaftierung besteht wohl nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.