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„Polizeiruf 110“ aus Rostock : Auch harte Typen haben Lieder

  • -Aktualisiert am

Brachial gut: Der „Polizeiruf“ aus Rostock durchwühlt die Ultra-Szene und ringt ihr auch ein paar Zärtlichkeiten ab.

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          Charly Hübner alias Alexander Bukow hat sich zum einzigen Vollkontaktbullen im deutschen Fernsehen hochgerempelt. Auch wenn so einigen Ermittlern eine neue Härte auf den Leib geschneidert wurde, „Tatort“-Kommissar Faber aus Dortmund etwa, so wird das in der Regel mit einem Trauma begründet. Bei Bukow hingegen scheint die Kaputtheit eine gewachsene zu sein, tief verwurzelt in seiner Straßenschlägernatur. Er wirkt wie einer, der sich längst aufgegeben hat, aber seine Würde dadurch zu bewahren weiß, dass er für die Guten um sich beißt. Und doch kann er bei allem Gepolter kaum verbergen, dass da eine zarte Seele in ihm steckt, auch wenn Herzensbekundungen nur gehemmt oder gebellt herauskommen. Solchen Typen begegnet man häufiger im französischen Krimi, in Deutschland sind sie selten. Noch seltener aber sind die Präzision, der verstockte Charme und die geballte physische Präsenz, die Hübners Spiel ausmachen.

          Wenn mit Anneke Kim Sarnau alias LKA-Profilerin Katrin König dann noch eine starke Kollegin hinzukommt, mit dem Buch von Wolfgang Stauch eine dichte, spannende Handlung, die inmitten der brutalen Ultra-Fanszene ausgerechnet von Liebe, falscher Treue und Verrat erzählt, sowie mit Matthias Tiefenbacher ein Regisseur, der sich all dem gewachsen zeigt und mit packenden, schmutzig-realistischen Bildern eine Tragödie von klassischer Intensität zu inszenieren weiß, dann ist das ein ungeheurer Glücksfall. Je tiefer sich der Rostocker „Polizeiruf“ in die wölfische Sphäre unterhalb der Zivilisation hinabbegibt, desto besser wird er. Schon die letzte Episode war ausgesprochen hart. Das ist diesmal nicht anders, nur dass jetzt auch noch die Identifikationsfiguren wie ausgespuckt herüberkommen. Bukow trinkt und stinkt und kotzt.

          Pseudomaskuline Stammesrituale

          Aus dem Gleichgewicht aber bringt sämtliche Figuren der permanente Umschlag eines Gefühls in sein Gegenteil: Verrat und Verantwortung, Geborgenheit und Ausgeliefertsein, Niedertracht und Begierde, alles liegt hier nah beieinander, und zwar im Fall wie im Team. Das Gegenzügige beherrscht schon die starke Eingangssequenz: Während sich anlässlich eines Hansa Rostock-Spiels (der Verein heißt hier etwas anders) eine Schlachtszene zwischen zwei Ultra-Gruppen entspinnt, schmettert uns Bono von U2 „Love is Blindness“ entgegen. Dazwischen geschnitten sehen wir Katrin König, wie sie ängstlich und mit leicht irrem Blick das Polizeirevier aufsucht. Sie hat noch die versuchte Vergewaltigung aus der letzten Episode zu verwinden, was ihr selbst mit Alkohol und Zynismus nicht gelingt. Vor allem aber muss sie sich in ihrer Aussage entscheiden zwischen der Wahrheit – sie hatte weiter auf den wehrlosen Angreifer eingeschlagen – und der von Bukow und Chef Henning Röder (Uwe Preuss) geforderten Version, die Königs Tat als Notwehr aussehen lässt.

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          Die Fallgeschichte scheint zunächst übersichtlich zu sein, wird aber emotional immer verwickelter. Stefan Momke (ein beeindruckend zwiegesichtiger Lasse Myhr), der ehemalige Anführer der „Red Rostocks“, wird nach sieben Jahren aus der Haft entlassen und findet einen neuen, weicheren Chef seiner Ultragruppe vor. Momke musste sich für den Angriff auf einen Polizisten verantworten, den dieser nur schwerbehindert überlebt hat – höchst bedrückend sind die Szenen mit der von dieser Art Leben überforderten Ehefrau des Polizisten –, könnte aber erfahren haben, wer ihn damals verraten hat: jener Ultra-Kumpel, mit dessen gewaltsamem Tod die eigentliche Krimihandlung einsetzt, oder die eigene Ex-Freundin Doreen. Letztere, verängstigt gespielt von Lana Cooper, führt inzwischen ein bürgerliches Leben mit Mann und Sohn. Dass der Sohn von Momke stammen könnte, macht die Sache nicht einfacher. Enttäuschte Hoffnungen, Verlangen und Verwundungen prallen ungebremst aufeinander, bis noch jemand ums Leben kommt.

          Ohne die pseudomaskulinen Stammesrituale zu beschönigen, gibt sich Tiefenbachers Film nicht mit billiger Denunziation der Ultra-Fans ab – auch harte Typen haben Lieder –, und das wirkt weit stärker als jede Zeigefinder-Thematisierung von Parallelgesellschaften. Denn in dieser abgestumpften Welt, die bis in die Sprache hinein nur noch krasse Opposition kennt, was längst auch die Kommissare erfasst hat, kann man durchaus unsere Zeit wiedererkennen. Hoffnungsfroh darf einen nur stimmen, dass die Verlorenen sich aneinander aufrichten. Bei „Frau König“ klingt das so: „Wir machen uns kaputt, jeder sich, wir einander“, und ist zärtlich gemeint, schließlich umtanzt sie dabei ihren Kollegen, der wie ein Fels in der Brandung steht. Der wiederum antwortet mit einer echt bukowschen Liebeserklärung: „Sie sind inzwischen der Mensch auf dieser Welt, der mir am meisten bedeutet, am meisten, von mir selber einmal abgesehen.“ Da stimmen wir zu, die beiden bedeuten uns eine Menge.

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